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Arendts und McCarthys Briefe : Und bitte nicht die Fassung verlieren, deine Hannah

Hannah Arendt, Mary McCarthy: „Im Vertrauen. Briefwechsel 1949–1975“. In Auszügen gelesen von Katharina Thalbach und Sandra Quadflieg. Bild: Random House Audio

Mehr als zwanzig Jahre lang schrieben sich die Philosophin Hannah Arendt und die Autorin Mary McCarthy Briefe: „Im Vertrauen“. Jetzt kann man sie auch hören.

          3 Min.

          Wenn sich zwei Menschen über einen Zeitraum von Jahren immer wieder Briefe schreiben, verbindet sie, das war schon vor dem Siegeszug grün markierter Kurznachrichten so, mehr als die Neugier auf Information. Auch dann, wenn es zwei Frauen auf der Schwelle zum Ruhm sind, die sich schreiben und vergleichen: Stützten sie einander nicht, ließen sie die andere nicht teilhaben an ihren Zweifeln, philosophierten sie nicht auch über Fragen wie solche, warum man seine Großmutter besser nicht umbringen sollte, auch wenn einem danach ist: Ihr Briefwechsel wäre höchstwahrscheinlich nicht von Dauer.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Hannah Arendt und Mary McCarthy lernten sich 1945 in einer Bar in Manhattan kennen. Arendt war Ende dreißig und hatte schon genug durchgestanden für ein ganzes Leben, den Nationalsozialismus und die Gestapo-Inhaftierung, ein Internierungslager in Frankreich und die Erfahrung der Staatenlosigkeit. Mary McCarthy war Anfang dreißig, Tochter aus gutem Hause, schrieb Literaturrezensionen für Zeitschriften und hatte eine Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht. Zwei Welten, die sich begegneten. Den naiv-provozierenden Satz, Hitler könne einem doch Leidtun, nahm ihr Arendt, das Opfer, an diesem Abend übel. Drei Jahre lang ignorierten sie sich.

          Die Tücke der Gewichtung

          „Im Vertrauen“ heißt die Sammlung von Briefen, die aus der am Ende fünfundzwanzig Jahre dauernden Freundschaft hervorging und 1995 in einem knapp sechshundert Seiten fassenden Buch im Piper Verlag auf Deutsch erschien. Ein so erfolgreiches zeitgeschichtliches Dokument in ein Hörbuch zu verwandeln ist naheliegend. Im besten Fall klingt es dann so, als höre man zwei Freunde, die die großen und kleineren Zwänge ihrer Zeit verhandeln, im Gespräch. Was zählt, und da steckt die Tücke, sind die Gewichtung und Auswahl ihrer Themen: In dem Vierteljahrhundert der Korrespondenz geschahen der Prozess gegen den NS-Verbrecher Adolf Eichmann, den Arendt begleitete, der Vietnamkrieg, Watergate, Veröffentlichungen der beiden Frauen wurden gefeiert und verrissen, es gab Scheidungen, Unglücke, Herzinfarkte, Todesfälle. Und über alles verhandelten sie offen.

          Auf jeder Seite ihrer „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, schreibt McCarthy 1951 an Arendt, finde sie etwas Neues, sie bewundere ihre Energie als Kollegin. Was als Verhältnis mit klarer Rollenverteilung – die gelehrige Jüngere und die lebensweise Philosophin – begann, wird mit den Jahren zu einem Austausch ebenbürtiger Denkerinnen. Arendt kennt keinen lehrerhaften Ton, auch dann nicht, als die insgesamt viermal verheiratete McCarthy sich in ihren Liebesgeschichten zu verlieren droht. Auf einer Lesereise mit ihrem Mann lernt sie einen anderen kennen, verliebt sich, kämpft über Monate um die Scheidung, und Arendt unterstützt aus der Ferne. Interessiert, fast neugierig, hakt sie nach, bangt mit und bestärkt. „Und bitte nicht die Fassung verlieren, deine Hannah.“

          Ihre Worte haben den blechernen Klang der Stimme Katharina Thalbachs, die so gut zu dieser rauchenden, mit aufmerksamer Distanz auf die Welt blickenden Arendt passt, und dann kommt die Replik, und man hört die Melancholie in Sandra Quadfliegs Stimme, und sie ergänzen sich so trefflich, wie es sich für langjährige Freundinnen gehört. Quadflieg hat in der Hörbuchreihe bei Random House zuletzt mit Ulrich Tukur die Liebesbriefe des Dichterpaars Claire und Yvan Goll vertont, man nahm ihr die Sehnsucht ab. Vom Hörbuchcover blicken die beiden Schauspielerinnen in den Posen ihrer Wortgeber, aber selbst an so einer simplen Übertragung kann man sich bei dieser Wahl nicht stören.

          Arendt stand mit den Intellektuellen ihrer Zeit im Briefwechsel: nicht nur mit Heidegger, auch mit Walter Benjamin, Uwe Johnson, Joachim Fest. McCarthy war die einzige prominente Frau. Stark ist die Auswahl der philosophischen Exkurse der Frauen da, wo die grenzenlose Offenheit der Verbindung deutlich wird, wo Empathie und Ratio aufeinandertreffen, Urteilsfragen wie die nach der Großmutter diskutiert werden (Antwort: Entweder Glaube oder Vernunft verhindern den Großmuttermord). „Im Vertrauen“ beweist, wie gegensätzlich zwei Freundinnen denken können, wie wichtig der Streit für die Entwicklung ihrer jeweiligen Urteilskraft ist und wie einmütig sie in den wichtigen Momenten zueinander stehen. „An deiner späteren Ausführung stört mich nur deine Ablehnung der Unterhaltung“, schreibt McCarthy über einen Aufsatz, den ihr Arendt zum Prüfen schickt, und Arendt antwortet: „Was massenhaft produziert wird, verliert an Wert“ – nur da nicht, wo Wiederholung nötig ist, um Dauer zu erreichen.

          In ihrer Phantasie, erinnert McCarthy ein anderes Mal, habe sich die Freundin lautstark über die „geschmacklosen Sexszenen“ in ihrem Roman beschwert. Dann wieder stärkt Arendt ihrer Schriftstellerkollegin den Rücken gegen „niederträchtige“ Rezensenten und kommentiert selbstironisch: „Ich bin noch immer beim Übersetzen von ,The Human Condition‘ und verfluche Gott und die Welt.“

          Streiten ließe sich nun auch darüber, ob Arendts Berichterstattung vom Eichmann-Prozess, der Hass, der ihr nach ihrer Artikelserie im „New Yorker“ entgegenschlug, und McCarthys politisches Engagement gegen den Vietnamkrieg in der Korrespondenz ein größeres Gewicht verdient gehabt hätten als die frühen Sorgen um verletzte Liebe, die den beiden einflussreichen Frauen kaum gerecht werden. Aber das eine ist ohne das andere eben schwer zu haben. „Mir scheint, dass das Bedürfnis nach Sensation in New York über alles geht“, schreibt McCarthy, enttäuscht über die harsche Kritik an ihrem Erfolgsroman „Die Clique“. „Ja“, antwortet Arendt. „Ruhm ist mühsam und ermüdend.“

          Hannah Arendt, Mary McCarthy: „Im Vertrauen. Briefwechsel 1949–1975“. In Auszügen gelesen von Katharina Thalbach und Sandra Quadflieg. Verlag Random House Audio, München 2019. 2 CDs, 156 Min., 19,99 .

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