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An und über Zbigniew Herbert : Bei lebendiger Dichtung verschwinden

  • -Aktualisiert am

das kleine vierbein auf eichenen füßen
(...)
graues eselchen der geduldigste aller esel
(...)
Weißt du mein lieber es hat schon blender gegeben
Nur die Titel, lieber Kleinschreiber Herbert, Springteufel zwischen den Zeiten und Zeilen, haben Sie noch immer hochgehalten und groß geschrieben. Warum nur?
was hast du gedacht im sprung
zwischen den gleichgestellten worten
zum beispiel freiheit gleichheit brüderlichkeit
dir war doch klar was es heißt
wenn nur noch eigennamen bleiben
Nike Napoleon Niemand
oder irgendein Augustus Claudius Caligula Hiob
während wir und du in den zwischenräumen
geschichte die weder punkt noch komma kennt
in ihrem marsch durch die alphabete
hebräisch griechisch lateinisch
deutsch oder englisch
bei lebendigem leibe VERSCHWINDEN

















Ich verdanke Ihnen viel, lieber Zbigniew Herbert. Wie oft sind Sie, gerade Sie, mein Reisebegleiter gewesen. Was mich anzog, war der kühle Berichtston Ihrer Gedichte, der sachliche lautere Stil Ihrer Prosa, die mich nach Italien trug, in die Niederlande, nach Frankreich, bevor ich selbst dorthin reisen konnte. Als ich eines Tages nach Orvieto kam und dort im Dom die Fresken des Luca Signorelli sah, habe ich an Sie denken müssen. Mit meinen Augen, und zugleich mit Ihren sah ich den Weltuntergang des Meisters aus Cortona und war wie Sie geschmeichelt, daß hier ein Leser am Werk gewesen war, ein Leser Dantes. Ich sah seine Auferstehung der Leiber, die sich in einer Landschaft abspielte, platt wie ein Tisch, wie Sie sagen. Da war er wieder, der Vergleich mit einem Möbelstück, dieser Blick für das Handwerk und die einfachen Dinge. Damals hätte ich mir nicht träumen lassen, daß Zeitgenossen, die für mich immer dazugehörten, gleichsam als Inventar meiner Lebenszeit, plötzlich verschwinden könnten wie Sie in dem Jahr, als ich Orvieto besuchte.

Kaum war die Mauer gefallen, bin ich mit Ihnen nach Amsterdam gereist und habe wie Sie über die Tulpenmanie im Goldenen Zeitalter gestaunt. Eilte im Rijksmuseum an den Gemälden der Vermeer und Frans Hals vorbei, um die schaurigen, sadistische Phantasien beflügelnden Stillleben des Johannes Torrentius zu suchen. Manchmal sind Bücher wie Befehle. Weiß ich, was dazu geführt hat, daß ich heute hier stehe? Ich kann nur hoffen, es war die Stimme der Vernunft. Sie kommt mir vertraut vor, und sie klingt, Pan Herbert, wohl manches Mal wie Ihre.

Was ich Ihnen mit alldem sagen wollte, war eigentlich nur: Danke. Aber stattdessen schreibe ich Zeilen, die Sie niemals erreichen werden. Das kommt davon, wenn man Gedichte mit Briefen verwechselt. Nun ja, Briefe, nicht direkt an mich adressiert – aber sie haben mich doch erreicht. Dieser Brief kommt rund zwanzig Jahre zu spät – oder dreißig oder fünfzig, je nachdem welches Datum man in der historischen Konstellation ansetzen will. Es wäre mir peinlich, als Adresse zu schreiben: Powązki Friedhof, Warschau, Polen. Da sind Sie nicht mehr zu finden, Meister, ich weiß. Denn Sie sind nun da draußen im All, und es macht Ihnen Freude, ich kann Ihr verschmitztes Lächeln sehen, von uns gelesen zu werden.

Durs Grünbein, geboren 1962 in Dresden, ist Schriftsteller. Zuletzt erschien „Jenseits der Literatur – Oxford Lectures“ (Suhrkamp). Er schrieb diesen Brief, den wir gekürzt wiedergeben, als Dank für die Verleihung des Internationalen Literaturpreises der polnischen Zbigniew-Herbert-Stiftung.

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