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An und über Zbigniew Herbert : Bei lebendiger Dichtung verschwinden

  • -Aktualisiert am

Mit Ihrem Herrn Cogito habe ich über das Leid meditiert, über den Blutkreislauf, den aufrechten Gang, die Vorstadthäuser, über Pop und Frauenzeitschriften, die Hölle und den Erkenntniswert von Gedichten. Sogar über die Rückkehr in die Heimatstadt. „alles was da gerettet wurde / ist die platte aus stein“. Und was Herr Cogito, Ihr berühmtes Alter Ego, über die Hölle zu sagen hat, kennen wir Herbert-Leser in allen Sprachen. Der unterste Kreis „ist ein künstlerasyl, voller spiegel, instrumente und bilder“. „Hier dauern die wettbewerbe, die festivals und konzerte das ganze jahr... Beelzebub fördert die kunst. Er garantiert seinen künstlern ruhe, gute ernährung und eine vollkommene isolation vom höllischen leben.“ Auch was Sie persönlich von diesem Leib-Seele-Problem hielten, mit dem die Philosophie sich so lange herumplagte (Subjekt und Objekt, Geist und Materie und so weiter), wissen wir. Ein kleiner Spalt tut sich auf, ein Gedanke zeigt sich, der dem strengen Dualismus entschlüpft wie ein Küken – und es ist gut, wenn die Poesie vor der Philosophie Haken schlägt und den Aporien entkommt –, und vielleicht war es das, was mich ermuntert hat, Ihnen auf diese Weise zu nahe zu treten, mit einem postumen Brief.

Herrn Cogitos seele
verhält sich anders

zu lebzeiten verläßt sie den leib
ohne ein wort des abschieds
monate jahre hält sie sich
in anderen kontinenten
außerhalb Herrn Cogitos grenzen auf
(...)

niemand weiß wann sie heimkehrt
vielleicht ging sie für immer verloren
Und fügen, mit der Ihnen eigenen Zärtlichkeit, hinzu:
gewiß muß sie auch
in anderen körpern wohnen
Um dann noch eine Note höher, noch einfühlsamer fortzufahren:
er denkt an die seele mit rührung
er denkt an die seele zärtlich
Um schließlich, auf dem Höhepunkt angelangt, allen Tränen, die der Mensch um sein eigenes Leid und Vergehen und das aller anderen vergießt, vorzubeugen:
darum wenn sie unerwartet
erscheint
begrüßt er sie nicht mit den worten
„gut, daß du wieder da bist“

















Das war es. Das genügte, um Ihnen, Zbigniew Herbert, fortan aufmerksam zuzuhören. Wie sonst könnte ich einem Publikum, dem man die Wirkung der Poesie (das Wort Lyrik ist mir verdächtig) immer aufs neue erklären muß, begründen, wie es kam, daß Ihre Verse wie ein Blitz in mir einschlugen? Sie haben mich, das ist das Geheimnis der Fernstenwirkung, mit wenigen gezielten Worten erobert. Ich bezweifle, daß ich Sie schon so gut kannte, damals, als ich selbst mich mit dem Erfinder des Cogito, dem Chevalier René Descartes, in eine Unterhaltung begab, die dann in ein langes Erzählgedicht mündete.

An Ihren Gedichten ist keiner vorbeigekommen. Keiner, der den Schiffbruch der hehren humanistischen Ideen und die Reaktion der vergessenen Massen auf sie mittelbar oder unmittelbar erlebt hatte. Sie haben es früh erkannt: „daß die schwarze Tonart der Gegenwartsliteratur aus der Einstellung der Autoren zur Realität kommt“. Umstimmen, gar ändern ließ sie sich nicht, diese Einstellung (so wenig wie die katastrophenschwere Realität selbst). Aber das Ich, das über sie stets Beschwerde führte, dieses kleine quengelnde, quietschende, zufällige Ich, ließ sich vielleicht überwinden.

Von der Geschichte enttäuscht, blieb Ihnen nur die Besinnung auf einen völligen Neuanfang. Universelles Mitleid, die Sorge um das menschliche Gewissen: Das war die Ethik, die Ihre Ästhetik bestimmen sollte. Die Rückkehr zum Einfachen, Elementaren, das war die Wende. Die Hinwendung zu den Dingen: Knöpfe, Hocker, Tische, tote Gegenstände, die immer in Ordnung sind, „und man kann ihnen, leider, nichts vorwerfen“. Das war die Losung, die Lösung. „Gäbe es eine Schule der Literatur, müßte man in ihr vor allem die Beschreibung der Gegenstände üben und nicht die der Träume.“ Wer sonst als Sie wäre auf die Idee gekommen, einen „Hocker“ mit Du anzureden?

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