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Brandt an Grass, Grass an Brandt : Die bundesrepublikanischen Briefe

Die beiden Hauptakteure - erst der Kandidat und sein Propagandist, dann der Kanzler und sein Herold - werden bis zu Brandts Rücktritt am 6. Mai 1974 dauerhaft die Bundesrepublik durchqueren und die Welt umrunden, auf meist getrennten Bahnen, zu den allerwichtigsten Ereignissen aber emphatisch gemeinsam.

Gemeinsame Staatsreisen, Fülle der Themen

Im Dezember 1970 geht es zur Unterzeichnung des Grundlagenvertrags nach Warschau, Grass rät dringend, den „Rahmen Deines Besuches“ nicht „in üblicher Glätte und innerhalb des gewohnten Protokolls“ zu gestalten. Brandt hat die Bemerkung unterstrichen; ob der Kniefall am Mahnmal des Warschauer Ghettos eine zumindest mittelbare Folge davon war, kann offenbleiben.

Im Juni 1973 besucht Brandt als erster amtierender Bundeskanzler Israel, Grass gehört der Delegation an. Die Reise ist ein Erfolg, im Nachgang dankt der Kanzler, seine Distanzwahrung für den Augenblick außer Kraft setzend, auf eine selten herzliche wie heitere Weise für des Dichters Begleitung.

Im Kloster Loccum las Grass im März dieses Jahres aus der autobiographischen Schrift „Beim Häuten der Zwiebel“ vor: Sie enthält das späte Bekenntnis, 1944 zur Waffen-SS eingezogen worden zu sein
Im Kloster Loccum las Grass im März dieses Jahres aus der autobiographischen Schrift „Beim Häuten der Zwiebel“ vor: Sie enthält das späte Bekenntnis, 1944 zur Waffen-SS eingezogen worden zu sein : Bild: dpa

Der Vietnam-Krieg und die Studentenproteste, der Völkermord in Biafra, Brandts Nobelpreis, der palästinensische Anschlag auf die Olympischen Spiele, die Kabinettseitelkeiten zumal der Minister-Diven Helmut Schmidt und Karl Schiller, die Ostpolitik und die Kämpfe um sie, der Zustand der DDR, die Rolle der deutsch-deutschen Literatur, das gescheiterte Misstrauensvotum, die Rollen von Rainer Barzel und Franz Josef Strauß dabei, die Debatte um Gesamtschule und Reformuniversität, die betriebliche Mitbestimmung, die Ölkrise, die Anschläge der RAF, die Situation in den Vereinigten Staaten, die Frage, ob die D-Mark auf- oder abzuwerten sei, immer wieder Brandts Führungsstil, den Grass immer wieder für zu lasch hält: Es gibt wohl kein einziges Thema und keinen einzigen Konflikt jener Jahre, die in den Briefen nicht vorkämen.

Nur Minister lässt ihn Brandt nicht werden

Ganz beiläufig erfährt man, dass das Publikum, das gerade in den ländlichen, von CDU oder CSU dominierten Gebieten scharenweise zu Grass’ Auftritten strömt, ganz selbstverständlich bereit ist, auch Eintritt zu bezahlen - Eintritt, man kann sich das heute nicht mehr vorstellen, für eine Wahlveranstaltung. Mit den Einnahmen will Grass den militaristisch geprägten Bestand der Bundeswehrbibliotheken erneuern und verhandelt darüber ganz direkt und persönlich mit Helmut Schmidt, dem damaligen Verteidigungsminister. Bereits 1971, neun Jahre vor der Gründung der Grünen, schickt Grass seinem Kanzler eine „Formulierungshilfe Umweltschutz“, er hält dies für das Zukunftsthema schlechthin.

Nur Minister lässt ihn Brandt nicht werden, obwohl Grass sich im Oktober 1969 erstmals und beinahe förmlich bewirbt. Brandt antwortet ganz offiziell, redet den Freund dieses Mal auch wieder „per Sie“ an. Was er zu bieten hat, ist eine „Reise zu deutschen Siedlungsgebieten in Lateinamerika“, der „Besuch der Goethe-Institute in Indien“ und die „Eröffnung des Goethe-Instituts in Australien“. Grass, der ihm „per Du“ antwortet, verspürt angesichts dieser Offerten allerdings nur „das Beklemmende eines Alptraums“. Bis zur autobiographischen Schrift „Beim Häuten der Zwiebel“ werden da noch siebenunddreißig Jahre ins Land gehen.

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