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Brandt an Grass, Grass an Brandt : Die bundesrepublikanischen Briefe

Grass und Brandt bei einer Wahlveranstaltung des Jahres 1976
Grass und Brandt bei einer Wahlveranstaltung des Jahres 1976 : Bild: dpa

Im August 1990 arbeitet Grass an seinen Frankfurter Poetikvorlesungen. „Schreiben nach Auschwitz“ hat er sie betitelt - und im Tagebuch vermerkt, er wolle dabei „das angebliche Recht auf deutsche Einheit im Sinne wiedervereinigter Staatlichkeit an Auschwitz scheitern lassen“. Auch am Ende des drei Jahrzehnte währenden Gesprächs zwischen Brandt und Grass sind es also die nationalsozialistischen Verbrechen, die das Verhältnis wesentlich mitbestimmen - nur finden die beiden, soweit es sich um deren normatives Gewicht für die unmittelbare Gegenwart handelt, jetzt nicht mehr zusammen.

“Projektion“, hat Sigmund Freud einmal definiert, „ist das Verfolgen eigener Wünsche in anderen.“ Ein Mechanismus der Abwehr also, bei dem das Individuum dasjenige, was es in sich selbst verleugnet, bei den anderen desto heftiger, mithin auch gnadenlos wiedererkennt.

Die psychologische Erklärung des späten Bekennens

Wenn es eine Erklärung für den Bruch von 2006 gibt, könnte sie so lauten - rein psychologisch gesehen, haben die Projektionen des Günter Grass durch das sehr späte Einbekennen immerhin geendet. Und man muss sich eine psychologische Erklärung - keine Exkulpation - erlauben, weil man sonst weder der genuin literarischen noch der staatsbürgerlich politischen Arbeit dieses Autors noch gerecht werden kann, gerade auch diesem Briefwechsel nicht.

Denn was in ihm verhandelt, besprochen, erwogen und sehr oft gemeinsam auch beschlossen wird, hat unser Land nicht wenig geprägt und verändert. Das ist und bleibt wahr. Dass Grass seine Energie dabei ganz wesentlich aus dem moralischen Furor zog, mit dem er das tatsächliche wie das vermeintliche Fortwirken des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik geißelte, steht außer Frage.

Ebenso, dass er in Willy Brandt, dem politischen Flüchtling, nicht nur das andere, sondern auch das bessere Deutschland verkörpert sah und ihn deshalb auch als eine Art Wunschvater empfand: „So sehr Sie“, schreibt er im September 1967, „in mir einen sachlichen, bis kritischen Anhänger Ihrer Politik sehen können, so unumwunden bewundere ich Sie nahezu als Vater.“

„Mehr Demokratie wagen“ stammt von Grass

Kein halbes Jahr später ist es Brandt, der sich über „unser frischgebackenes Du“ freut. Und jetzt, im Vorfeld seines dritten Anlaufs auf die Kanzlerschaft, kommen die Briefe wechselseitig auch richtig in Schwung. Begeistert über sein „streit- und arbeitslustiges Team“, empfiehlt Grass die allmählich gedeihende Wählerinitiative bald als „Modell“ für Brandts Parteiarbeit.

Dem Vorsitzenden geht es immer wieder um „Formulierungshilfe“ für Stellungnahmen und Reden. „Mehr Demokratie wagen“, die berühmte Formel der ersten Regierungserklärung von 1969, stammt - da herrsche, meint Kölbel, inzwischen Zuordnungseinigkeit - definitiv von Grass, der den eigenen Ruhm mittlerweile mit der Novelle „Katz und Maus“ und dem Roman „Hundejahre“ gemehrt hat.

Der Brief von Grass an Brandt vom 25. September 1972 beginnt nach der Anrede mit dem Satz: „ein Freund rät Dir: bitte nach vorne argumentieren und nicht nach rückwärts sinnieren und klagen“.
Der Brief von Grass an Brandt vom 25. September 1972 beginnt nach der Anrede mit dem Satz: „ein Freund rät Dir: bitte nach vorne argumentieren und nicht nach rückwärts sinnieren und klagen“. : Bild: dpa

Das quantitative Ungleichgewicht - auf drei Grass-Briefe kommt maximal einer von Brandt, 288 Schreiben gehen in toto hin und her - wird ausgeglichen durch die nicht selten im Dokumentenanhang beigefügten Korrespondenzen, Protokolle oder Gesprächsnotizen, die Grass mit Brandts engsten Mitarbeitern, mit Horst Ehmke oder Egon Bahr, verbinden.

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