https://www.faz.net/-gr0-78uim

Brandt an Grass, Grass an Brandt : Die bundesrepublikanischen Briefe

„Ich werde provokativ und grüße meine Kameraden von der SS!“

Dieser sechsundfünfzig Jahre alte Mann tritt beim Kirchentag ans „Mikrofon 2 im Mittelgang“. Grass notiert: „Beengt von seinem Wortschutt, sprach er von verlorengegangener Kriegskameradschaft ... Ich reihe: Lebenseinsatz, im Stich gelassen, ein Zeichen setzen, durch unbedingte Treue, das selbstlose Opfer, wie der Protest der Jugend, nämlich ganz, damit ich gehört werde.“ Das wirre Reden findet schließlich ein Ende. „Ich werde jetzt provokativ“, sagt Augst, „und grüße meine Kameraden von der SS!“ Dann schluckt er Zyankali, drei Tage danach ist er tot. Siebzig Romanseiten später der Satz: „Augst ein Denkmal schreiben.“

Von Beginn an steht das Verhältnis zwischen dem 1913 geborenen Willy Brandt und dem vierzehn Jahre jüngeren Günter Grass im Zeichen der nationalsozialistischen Vergangenheit. Es beginnt am 5. September 1961, keinen Monat nach dem Bau der Mauer. Der junge, durch den literarischen Weltwurf der „Blechtrommel“ (1959) aber bereits hochberühmte Autor trifft Berlins damaligen Regierenden Bürgermeister zusammen mit einigen Schriftstellerkollegen - unter ihnen Hans Werner Richter, Martin Walser und Uwe Johnson - in der Senatskanzlei.

Willy Brandt an Günter Grass am 3. Dezember 1969: Entwurf des Antwortbriefs aufs Grass’ beinahe förmliche Bewerbung um ein Ministeramt
Willy Brandt an Günter Grass am 3. Dezember 1969: Entwurf des Antwortbriefs aufs Grass’ beinahe förmliche Bewerbung um ein Ministeramt : Bild: Steidl Verlag

Als Einziger aus der Runde begleitet Grass den erstmals als Kanzlerkandidaten antretenden Brandt dann gleich am nächsten Tag zu letzten Wahlkampfterminen im Schwäbischen (Wahltag: 17. September).

Das Diktat im Flieger nach Stuttgart

Kaum im Flugzeug, diktiert Brandt auch schon. Aber die Sekretärin stenographiert keineswegs aktuelle Anweisungen oder Briefe mit, es geht vielmehr um sein Exil von 1933 an, im Speziellen um die Monate im Spanischen Bürgerkrieg des Jahres 1937. Punktgenau zum Wahlkampf hatte der Journalist Hans Frederik ein Pamphlet mit dem Titel „Die Kandidaten“ publiziert, in dem Brandt nicht als Kämpfer gegen Hitler, sondern als ein Kollaborateur erscheint, der in Spanien mit Stalinisten und Kommunisten gemeinsam gegen deutsche Soldaten vorging.

Brandts damaliger Schriftsatz diente der Vorbereitung einer Strafanzeige gegen Frederik: Zu Recht druckt ihn der Herausgeber Kölbel über siebzig Seiten hinweg ab, weil Grass sich ihn drei Jahre später als Hauptquelle für den Einakter „POUM oder die Vergangenheit fliegt mit“ erbat - das spanische Kürzel „Poum“ steht für die einstige „Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit“.

Brandts letzte Nachricht an Grass datiert vom 11. Juni 1992, knapp vier Monate vor seinem Tod. Er dankt für das „Lesefutter“, das ihm der Autor ins Krankenhaus sandte: die gerade erschienene Erzählung „Unkenrufe“. Die letzte gewichtige briefliche Nachricht aber stammt bereits aus dem August 1990 und lässt beides erkennen: Resignation und Ratlosigkeit angesichts der Enttäuschung des Dichters über „Gang- und Machart der deutschen Einheit“.

Die Einheit und Auschwitz

Wie stets in gemäßigtem Ton, weist Brandt dessen Einwände gegen ein vermeintlich „hastiges Sofortprogramm“ zurück - es wolle zudem, fügt er hinzu, „nicht in meinen Kopf“, wie Grass ihn nun, ,„nach dem 9. Nov.'89“, in Sachen Deutschlandpolitik immer noch auf „meine Kasseler Punkte vom Frühjahr '70“ festlegen wolle, einst entworfen vor dem zweiten Treffen mit dem DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph.

Weitere Themen

Topmeldungen

Ein Intensivpfleger arbeitet auf einer Intensivstation des RKH Klinikum Ludwigsburg an einem Covid-19-Patient.

Corona in Deutschland : Sieben-Tage-Inzidenz steigt weiter auf 13,6

Das Robert Koch-Institut hat 1919 Corona-Neuinfektionen registriert. Vor einer Woche hatte der Wert bei 1608 Ansteckungen gelegen. Bildungsministerin Anja Karliczek drängt auf Impfungen aus Solidarität mit Kindern und Jugendlichen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.