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Boxer und Dichter : So schlägt man sich in der Nacht auf die Ohren

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Einmal geht der Blick weg vom Ring: Wolf Wondratschek in der Berliner Arena beim Kampf von Arthur Abraham gegen Jermain Taylor Bild: Marianne Müller

Wie vor ihm Ernest Hemingway und Bertolt Brecht zieht es den Schriftsteller Wolf Wondratschek immer wieder an den Boxring zurück. Beim Duell von Arthur Abraham gegen Jermain Taylor erlebt der Dichter seinen ersten Kampf seit zehn Jahren. Er sieht das Urtier des Boxens und vermisst die Poesie.

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          Wie schläft der Champion in der Nacht vor seinem größten Kampf? Liegt er wach, träumt er, schläft er durch? Der Dichter jedenfalls schläft schlecht. Er muss ständig an den Champion denken. Wolf Wondratschek schlägt sich in Wien die Nacht um die Ohren. Er fragt sich, was jetzt wohl Arthur Abraham in Berlin macht. Ein Boxer kann es sich gar nicht erlauben, vor einem großen Kampf schlecht zu schlafen, ist er überzeugt. Also muss auch er noch ein paar Stunden ruhen. Dann steigt er ins Flugzeug nach Berlin, um zwei Künstlern die Ehre zu erweisen. Den Faustkämpfern Abraham und Jermain Taylor. Jungen von der Straße, die es geschafft haben, die sich aus der Armut nach ganz oben durchgeboxt haben, zu Ruhm und Millionen.

          Aber es geht ihm nicht nur um den Kampf. Wondratschek will wieder eintauchen in die Welt am Ring, in das Milieu der Fäuste. Zehn Jahre war er nicht mehr beim Boxen, diesem Sport, der für ihn weit mehr ist als ein bloßes Kräftemessen zweier austrainierter Athleten. Zehn Jahre hat er sie nicht gesehen: die Fighter, die Manager und Promoter, die Milieugrößen, die Aufschneider und Lebemänner, die ehrlichen Arbeiter. Es wird die Rückkehr zu einer alten Liebe.

          „Es geht um den Unterschied zwischen Liegen und Stehen.“

          „Jersey Joe Walcott“, sagt Wondratschek, „das war die Initialzündung“. Im Alter von sechs Jahren saß er 1950 auf dem zugeklappten Deckel des Klaviers im Elternhaus und lauschte dem Radio. Der Amerikaner Walcott besiegte in Mannheim den Deutschen Hein ten Hoff. „Damals ging der Virus in mich rein. Ich hatte ein Gefühl von Intensität, als ginge es um Leben und Tod. Meine drei Brüder haben das nicht verstanden.“ Für Wondratschek ist die Welt unterteilt: in diejenigen, die Boxen verstehen, und die, die es nicht verstehen. „Es geht um den Unterschied zwischen Liegen und Stehen. Das ist die Ikonographie des Boxens.“ Man kann niemanden vom Boxen überzeugen. Diesen Kampf nimmt er gar nicht erst auf.

          In Wien, wo er keinen Fernseher hat, fehlt ihm ein Platz, an dem er die großen Duelle sehen kann. In einem Café saß er manchmal nachts noch vor der Leinwand, auf der die Kämpfe flimmerten, wenn die Fußballfans schon lange weg waren und der Kellner, der Boxen verstand, bereits die Stühle hochklappte. In einer alten Pension reservierte ihm der Nachtportier, ein Geigenstudent vom Konservatorium, manches Mal ein Zimmer mit Fernseher, wenn das Haus nicht ausgebucht war. Und am Gürtel liefen die Kämpfe immer in der Kneipe „Knockout“. Der Wirt Edip Sekowitsch war einst selbst Europameister im Halbmittelgewicht. „Ein Boxer, der gerade genug zusammenbekommen hat, um eine Bar aufzumachen. Ein Genrebild“, sagt Wondratschek. Im August vergangenen Jahres wurde Sekowitsch vor seiner Kneipe erstochen.

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