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Ransmayrs Börnepreis-Rede : Nachrichten von einem tapferen Mann

  • -Aktualisiert am

Ludwig Börne, 1833 gemalt von Moritz Daniel Oppenheim Bild: Fine Art Images / Heritage Images / Picture-Alliance

Was freies Wort bedeutet, hat niemand so gut gewusst wie Ludwig Börne. Den nach ihm benannten Preis hat in diesem Jahr Christoph Ransmayr bekommen und dazu diese fulminante Dankesrede gehalten.

          9 Min.

          Am 22. Januar des Jahres 1833, einem frostigen Dienstag, an dem im Königreich Bayern Ochsen- und Pferdefuhrwerke und selbst herrschaftliche Kutschen in Schneeverwehungen steckenblieben und die dampfenden Zugtiere vermutlich unter Flüchen aus dem Geschirr genommen wurden, war in der Münchener Politischen Zeitung zu lesen: „Wahrlich, wo irgend auf deutschem Boden ein Galgen steht, wird man kein würdigeres Subjekt daran aufzuhängen finden als diesen Herrn Baruch modo Börne.“

          Diese im Ton einer Predigt vor­gebrachte Forderung sollte noch im nächsten und im darauffolgenden Jahrhundert als Beispiel für die Gnaden­losigkeit des zeit­genössischen Feuilletons zitiert werden, wenn von dem Essayisten und Revolutionär Juda Löw Baruch die Rede war, der als wohl ein­ziges Zugeständnis an eine feindselige Welt seinen Geburtsnamen abgelegt und den Autorennamen „Carl Ludwig Börne“ angenommen hatte. Dies nicht aus Angst, sondern um vorzubeugen, dass ein mit dem Makel eines jüdischen Namens behaftetes Buch von einer antisemitischen Leserschaft gar nicht erst geöffnet werden würde.

          „Die einen werfen mir vor, daß ich ein Jude sei“, sollte Börne unter seinem neuen Namen, der sich schließlich als der Name eines Geisteskriegers erwies, später schreiben: „Die einen werfen mir vor, daß ich ein Jude sei; die anderen verzeihen mir es; der dritte lobt mich gar dafür; aber alle denken daran.“An den Galgen mit ihm. In Börnes Europa waren Verhaftung, Gefängnis, Auspeitschung und das Schafott auch für einen Mann des Wortes keine leeren Drohungen. Wo selbst das Reden und Schreiben über Bäume zum Verbrechen werden konnte, dort musste, wer zur Feder griff und es nicht bei Einverständniserklärungen mit dem Bestehenden belassen wollte, nicht bloß sprachgewandt und stilsicher sein, sondern vor allem – mutig.

          Zum weiteren Gebrauch noch immer zu empfehlen

          Der von der Kritik einmal dem Henker, ein andermal dem Zuchthaus anempfohlene und von seinem eigenen Vater vergeblich beschworene Börne, sich doch um Himmels willen mit seiner Gegenwart und ihren Ordnungen zu­gunsten eines bürgerlich gefahrlosen Lebens auszusöhnen, beschied jeden Besänftigungsversuch nur mit Spott: „In Berlin ist mein Buch von der Polizei in Beschlag genommen worden. Als ob der Regen davon aufhörte, wenn einige unter Schirmen gehen.“

          Bei der Preisverleihung: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (r.) mit Christoph Ransmayr am Sonntag in Berlin
          Bei der Preisverleihung: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (r.) mit Christoph Ransmayr am Sonntag in Berlin : Bild: dpa

          Staatstreue Zensoren und ihre Spitzel, seine Feinde unter den Feuilletonisten und der Obrigkeit hörige Bürokraten bedachte Börne ohne Rücksicht auf die Folgen mit virtuos formulierten Argumenten, im gröberen Fall und im dra­matischen Gegensatz zur heute herrschenden Regel, selbst die bösartigste und dümmste Kritik an einem Buch nobel schweigend zu übergehen, aber auch mit einer Litanei von Flüchen und Schimpfnamen. Börnes Verfluchungen wären zum praktischen weiteren Gebrauch immer noch zu empfehlen – etwa im Umgang mit Steuern hinter­ziehenden Konzernherren, an ihren Boni würgenden Bankiers oder in Aufsichtsrats- und Direktionsetagen entschwundenen Volksvertretern und erst recht im Umgang mit mäßig gebildeten Freunden und Freundinnen des Rampenlichts, die aus den Fauteuils der Fernseherei oder der sicheren Deckung des Feuilletons Prügel und faules Ge­müse über alle Grenzen des Anstands hinweg in die Welt der Kunst und Wissenschaft werfen.

          Ein Unterschied in den politischen Ansichten

          „Ihr Aasfliegen“, ließe sich ihnen in beliebiger Lautstärke ein Abriss von Börnes Verfluchungen zurufen, „Anschwärzer, Ameisenfresser und Aufwischlumpen! Ihr Bandwürmer, Beutelschneider, Brechpulver, Brudermörder und Blutegel! Charlatane! Ihr Dreck­käfer, Duckmäuser, Eintagsfliegen, Filzläuse, Fratzengesichter! Ihr Geifer­mäuler und Giftmischer! Halunken, Hundsfötte, Hofhunde, Hasenfüße! Irrwische! Ihr Käsemaden, Kotasseln und Krautköpfe! Lästermäuler, Luder und Lumpenhunde! Ihr Mordbrenner, Nachtgeschirre, Pharisäer und Rotz­nasen, Schmarotzer und Schafsköpfe! Ihr Spürhunde, Stiefelknechte, Speichellecker! Ihr Tölpel und Trampeltiere! Ihr Untertanen! Vielschreiber und Wurstmäuler, Wanzen und Wohlgeborne! Ihr Zwerge! Ihr sollt sehen, daß ich mit euch fertig werden kann!“

          Kein Zweifel, Carl Ludwig Börne war ein oft wütender, immer aber ein unerschrockener, tapferer Mann.

          Zu seiner Selbsteinschätzung notierte er ein Urteil Heinrich Heines, seines berühmtesten Lesers, Kritikers – und Bewunderers: „Heine wurde neulich von jemandem gefragt, worin er sich in seinen politischen Ansichten von mir unterscheide? Er antwortete: Ich bin eine gewöhnliche Guillotine, und Börne ist eine Dampfguillotine.“

          Eine Rechtsauffassung wie zu Börnes Zeiten

          An den Galgen mit ihm. Ich erinnere mich an einen tropischen Wolkenbruch, aus dem eine weiße, fenster­lose Wand und eine darauf über etwa zwei Stockwerke gemalte monströse Henkerschlinge auftauchte. Die Schlinge drohte von einem Zoll­gebäude an der Grenze zwischen dem Süden Thailands und Malaysias, der ich damals als einer von acht Passagieren in einem Kleinbus im vorgeschriebenen Schritttempo entgegenrollte. Der Strang wurde mit jedem zurückgelegten Meter ungeheuerlicher. Es war das erste Bild, das ich vom monsunverschleierten Malaysia zu sehen bekam, das ich damals auf dem Landweg Richtung Singapur durchqueren wollte. Als eine Allee tropfender Palmen endete und die Sicht auf die volle Größe der Wand freigab, war in riesigen Lettern auch zu sehen, wem diese Drohung galt: „Death for drugs“. Der Galgen für Drogen.

          Ich hatte mich selbst auf Reisen durch die der Barbarei der Todesstrafe verschriebenen Vereinigten Staaten von Amerika, Reisen durch China, Indien, Uganda, Äthiopien, Jemen, Indonesien und andere immer noch mit dem Henker paktierende Länder nicht so sehr von einem die Hinrichtung exekutierenden Strafgesetz bedroht gefühlt wie an diesem Tag.

          Obwohl ich Drogen weder in meinem Gepäck noch in meinem Blut hatte, wurden plötzlich Zweifel wach, ob nicht ein Heroin- oder Kokainschmuggler meinen mit anderen Koffern und Säcken am Dach des Kleinbusses festgezurrten Rucksack als Transportmittel benutzt hatte und am Ende ich der Angeklagte wäre. Nach malaiischem Recht musste schließlich der Angeklagte – wie zu Börnes Zeiten – seine Unschuld, nicht der Kläger seine Schuld beweisen.

          Am Ende ein Galgen

          Als ich einer durch Lautsprecher gebrüllten Aufforderung nachkam, meinen Rucksack vom Busdach zog und, das Gepäck zu Füßen, gemeinsam mit den anderen Passagieren in einer Zeile Aufstellung nahm, spürte ich ­meinen Herzschlag. Eine schwarz verschleierte Zöllnerin schritt dann, ohne mein „Salam aleikum“ zu erwidern, unsere Reihe ab, zeigte einmal auf dieses, dann auf jenes Gepäckstück, befahl, es zu öffnen und den Inhalt auf dem dampfenden Asphalt auszubreiten. Wie die Schalen einer russischen Puppe musste alles, was zu öffnen war, weiter und weiter geöffnet werden, bis sich, was immer zum Vorschein kam – ­Seifen, Wundpflaster, Schreibzeug – als der nicht weiter teilbare Kern des je­­weiligen Behältnisses erwies.

          Auch wenn sich am Ende bei keinem der einander fremden Buspassagiere etwas fand, das ihn dem Galgen hätte näher bringen können, begleitete mich die gesetzliche Todesdrohung doch in den folgenden Tagen und bis ans Ziel nach Singapur. Auch dort stand ja – wie im hinter mir liegenden Thailand und Malaysia – am Ende der Ver­handlung eines Kapitalverbrechens der ­Galgen.

          Ein groteskes Verfahren

          Ich habe mich nicht erst seit dem Anblick der monströsen Schlinge auf einer weißen, fensterlosen Wand gefragt, wie ein Mensch schreiben, wie ein Mensch reden und denken kann, wenn er für seine Worte mit dem Tod, der Folter oder Jahren und Jahrzehnten im Gefängnis bestraft werden kann. Dass die Zeiten seit dem Jahrhundert Börnes an vielen Tatorten der Welt – der Ersten wie der nach der letzten Zählung Dritten –, strafrechtlich betrachtet, nicht besser geworden sind, wird dramatisch auch an der Tatsache deutlich, dass aus­gerechnet in jenem Land, das den Anspruch erhebt, das „großartigste Land der Welt“ und die gottgefällige Führungsmacht des „Freien Westens“ zu sein, den Vereinigten Staaten von Amerika, nicht nur die Todesstrafe, sondern zuletzt auch Folter und polizei­liche Willkür mit Todesfolge für taug­liche Instrumente eines Rechtsstaates gehalten werden.

          Ich versuche mir vorzustellen, wie Börne wohl die Tatsache kommentiert hätte, dass in diesem in den vergangenen Jahren von einem infantilen Bar­baren geführten, ja beherrschten Land gemäß einem aus der Zeit des Genozids an der amerikanischen Ur­bevölkerung und der Sklaverei stammenden Wahlrecht nach wie vor zum Sieger erklärt werden kann, selbst wer Abermillionen Stimmen weniger als die jeweilige Konkurrenz für sich gewinnen konnte. Dieses groteske Verfahren ermöglichte dem millionenfach unterlegenen Sieger zwar nicht, hinter einer fensterlosen weißen Wand mit aufgemalter Henkerschlinge zu residieren, aber immerhin in einem „Weißen Haus“ mit vorgesetztem Rosengarten, von dessen blühender Pracht sich in den vergangenen Jahren ein bösartiger Ungeist verbreiten durfte. Sein Nachfolger, ein gottesfürchtiger Menschenfreund, hat in der bisher wohl bemerkenswertesten Aus­sage seiner Amtszeit den Störern des Friedens seines Landes mit einem interkontinentalen Vernichtungskrieg gedroht.

          So lang ist keine Freiheit möglich

          Gewiss hätte Carl Ludwig Börne selbst an diesem bis an die Zähne bewaffneten und stets kriegsbereiten Flaggschiff der Freiheit auch sehr vieles bewundernswert gefunden – dessen großartige Literatur etwa, dessen todesmutige Bürgerrechtskämpferinnen und Bürgerrechtskämpfer, die unbezähmbare freie Presse, dessen Filmkunstwerke, Malerei, Musik und insgesamt dessen Kunst- und Kultur­leben –, aber ihm wäre wohl auch auf­gefallen, dass dieses Leben als zarter Schleier über schwarzen Tiefen treibt, vergleichbar den ­Teppichen aus Blütenstaub, die zur Zeit der Akazien- und Pinienblüte manche Meeresbuchten vergolden.

          Nicht, dass vergleichbare tiefe Schlagschatten nicht auch über russische, chinesische, türkische oder europäische Herrschafts- und Kolonial­gebiete fallen würden, denn ob Moskau, Peking, London oder Paris – jede Me­tropole weltpolitischer Macht lässt sich neben den Schönheiten und dem Zauber ihrer jeweiligen Kultur auch mit Verbrechen und Massenmorden verbinden. Aber der Anspruch, trotz einer barbarischen Vergangenheit und gewalt­besessenen Gegenwart eine immerwährende Bastion der Humanität zu sein, macht die Nebel noch undurchdringlicher, die aus der amerikanischen Bigotterie aufrauchen.

          Dass Europa sich vor den Vereinigten Staaten in berechtigter Dankbarkeit für die Befreiung vom Nationalsozialismus wieder und wieder verneigt, hätte Börne vermutlich zur ergänzenden Bemerkung veranlasst, dass sich über den in diesem Befreiungskampf gefallenen vierhunderttausend amerikanischen Soldaten ein Leichengebirge von zehn Millionen toten Rotarmisten und vierzehn Millionen ermordeten sowjetischen Zivilisten auftürmte, dass dieses Land der Freien als erstes und bislang einziges Land der Welt zivile Ziele mit Atombomben dem Erdboden gleich­gemacht und die Über­lebenden auf Jahrzehnte vergiftet hat und nationalsozialistische Kriegsverbrecher, allen voran eine so widerliche Figur wie Wernher von Braun, nicht wie dessen Parteifreunde an den Galgen des Nürnberger Gerichts gebracht, sondern in allen Ehren aufgenommen und im Inter­esse des eigenen Rüstungsprogramms zum Nationalhelden gemacht hat.

          Aber selbst wenn dieses von Gott geliebte Land wäre, was seine Anführer, Missionare und Anhänger behaupten: eine Fackel der Freiheit und tatsächlich die allerbeste aller Nationen, würde der in seinen „Briefen aus Paris“ formulierte Einwand Börnes lauten: „Keine Freiheit ist möglich, solange es Nationen gibt.“

          Als wäre er unverwundbar

          Der Gedanke der Nation,eine der verhängnisvollsten Dummheiten der Geistes­geschichte, gegenwärtig ausgerechnet in der kolonial­geschichtlich verseuchten „Euro­päischen Union“ vielstimmig beschworen und gegen den jeweiligen Nachbarn ins Feld geführt, scheint die menschlichen Gesellschaften wie eine hartnäckige Krätze befallen zu haben. Die erbärmliche Haltung, mit der etwa die meisten Staaten dieser Union unter Berufung auf ihre nationalen Interessen sich weigern, das nicht zuletzt auch von ihnen durch koloniale Ausbeutung, willkürliche Grenz­ziehungen, Raub von Rohstoffen und um bloße Almosen ergaunerte Arbeitskraft mitverursachte Leid in afrikanischen und asiatischen Ländern und von dort auf­brechenden Flüchtlingsströmen wenigstens zu lindern, scheint einen weiteren Gedanken Börnes fortzuführen: „Wir haben die Sklaverei über ganz Europa verbreitet, und als Denkmäler dieser Sündflut sitzen deutsche Fürsten­geschlechter auf allen Thronen Europas, wie nach uralten Überschwemmungen auf den höchsten Bergen die Reste versteinerter Seeungeheuer gefunden werden ... Kann einer in unseren Tagen etwas ersinnen, was nicht den Tag darauf wahr werden kann!“

          Börne hat in seinem Zorn und trotz aller lebensgefährlichen Anfeindungen und Drohungen geschrieben, als wäre er unverwundbar und von keinem Gerichtsurteil zu erreichen. Gefängnisaufenthalte, Beschlagnahme und Verbot seiner Schriften schienen ihn nur darin zu bestärken, dass überwunden, ja zertrümmert werden musste, was ihn und seinesgleichen bedrängte. „Die Freiheit wurde ... nie geschenkt noch verkauft; ein Volk, das sie haben will, muß sie rauben. Dem Geduldigen gibt man nichts, dem Drohenden wenig, dem Gewalttätigen alles.

          Von der Tyrannei der Primitivität entfacht

          Seltsam, dass diese Freiheit – die der Gedanken wie die des Wortes – von unerschrockenen Schriftstellern wie Börne gefordert und schließlich erkämpft, in unseren Tagen perverse Blüten treibt: Jetzt, wo – zumindest in einigermaßen demokratischen Gesellschaften – jeder sagen und schreiben darf, ohne Gefängnis und Galgen fürchten zu müssen, rollt eine wahre Flut von Wortmeldungen über sogenannte „Foren“ und „Platt­formen“ des Internets, auf denen sich Verfasser und Verfasserinnen anonym oder hinter Decknamen von oft bemerkenswerter Dummheit über Gott und die Welt ereifern – ohne dabei die Verantwortung auch nur für eine einzige Silbe zu übernehmen, und allesamt offensichtlich zu hasenherzig, um für das Gesagte oder Geschriebene einzustehen.

          Die Nennung der „Klarnamen“ wäre doch, heißt es in gelegentlichen Recht­fertigungsversuchen, ein unzumutbares Risiko für ihre Träger. Ein Deckname garantiere schließlich nicht nur eine nahezu grenzenlose Gedankenfreiheit, sondern auch Sicherheit. Tatsächlich? Wen soll Empörung oder Kritik treffen, die mit „Oma Duck“, „Superboy“ oder „Popcorn IV“ gezeichnet wurde? Galt denn Courage, Zivilcourage nicht bereits zu Zeiten Börnes als die Haltung, sich zu den eigenen Gedanken und Worten zu bekennen? Und waren für anonyme Einsendungen oder Zuschriften unter lächerlichen Pseudonymen in den Redaktionen traditioneller Zeitungen nicht Mülleimer und Papierkörbe als passende Adressen vorgesehen? Aber mittlerweile scheint selbst die freieste Presse, scheinen Magazine, Radio- und Fernsehsender ein Heer von Anschwärzern, Kläffern, Verleumdern und dogmatischen Predigern als willkommene Abonnenten aufgenommen zu haben und werten die von dieser Tyrannei der Primitivität entfachten shitstorms als geschäftsfördernde Wettererscheinungen des Ungeistes.

          „Jede Tyrannei, die ein Volk duldet“, schreibt Börne in seinen „Briefen aus Paris“, „übt es selbst und es hat sie zu verantworten.“

          Was ihr auf dem Gemüt oder der Seele liegt

          Aber ja, auch Börne hat seinen Namen geändert – allerdings war diese Änderung dem Publikum und aller Öffentlichkeit ebenso bekannt wie der Polizei und den zuständigen Gerichten. Die Maskenumzüge, die dagegen über die Foren und Plattformen des Internets stampfen und dabei zwischen Kritik und Verleumdung ebenso wenig unterscheiden können wie zwischen Polemik und Niedertracht, wollen allein die Klarnamen ihrer Opfer besudeln, die eigenen werden verleugnet.

          Eine gegenwärtige Leserschaft, die Börnes Schriften nicht bloß als literaturhistorische Dokumente studieren, sondern Juda Löw Baruchs von der Idee der Freiheit besessenen Furor beherzigen wollte, sollte ihre Vermummungen und Tarnnamen abstreifen und durchaus sagen und schreiben, was ihr auf dem Gemüt oder der Seele liegt. Sollte dann aber auf einem „Forum“, das diesen Namen tatsächlich verdient, selbstbewusst und in Gefolgschaft eines tapferen Mannes den eigenen Namen nennen und bekennen: Das sind wir. Erinnert euch.

          Christoph Ransmayr ist Schriftsteller. Er hielt diese Rede zum Dank für den ihm am vergangenen Sonntag in Schloss Bellevue verliehenen Ludwig-Börne-Preis. Zuletzt erschien sein Roman „Der Fallmeister“ (S. Fischer).

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