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Kirchhoff zur Goethe-Plakette : Vom Älterwerden mit Goethe und sich Halten in Frankfurt

  • -Aktualisiert am

Kirchhoff am 6. Mai im Kaisersaal des Frankfurter Römers Bild: Frank Röth

In dieser Stadt ging ein Vorhang auf: 1970 kam er zum Studieren nach Frankfurt. Damals wäre ihm nicht im Traum eingefallen, einmal im Namen Goethes geehrt zu werden. Was Bodo Kirchhoff anlässlich der Verleihung der Goethe-Plakette zu sagen hatte.

          Zunächst ein Dank an die, die diese Auszeichnung zuerkannt haben – einem, der sich als Träger einer Plakette mit dem Signifikat Goethe nicht zu den Naheliegendsten zählt, ganz im Wahren, Schönen und Guten zuhause, der aber ganz an die Literatur glaubt und dem alle neuerlichen schriftlichen Mitteilungsarten entweder als Hohn auf sie erscheinen oder als Vor-stufen zu ihr. Nur bedarf es schon günstiger historischer Umstände, damit man in seinem Glauben an eine erfundene Wahrheit nicht auf verlorenem Posten ist, zum Beispiel solcher wie in Weimar, als Goethe dort über viele Jahre das Hoftheater geleitet hat, bis er sich, verärgert über die Auftritte eines schauspielernden Pudels, als Intendant zurückzog.

             Und es waren auch günstige Umstände, glückliche wäre zuviel gesagt, auf die ich im Wintersemester 1970/71 hier in Goethes Geburtsstadt traf; wie Thomas Mann einst als knappen ersten Satz München leuchtet geschrieben hat, hätte der Neuling als ersten Eindruck festhalten können Frankfurt bebt. Die Stadt war so erschüttert von Maschinen, die Häuser abrissen und Erde aufrissen, wie von Theorie, die als Raubdrucke vor der Mensa an der Bockenheimer Warte auslag, und dem, was ein paar Straßen westlicher in einem berühmten Haus, inzwischen auch geschleift, als Literatur erschien. Und heute, fast fünfzig Jahre später, gibt es zwar noch aufgerissene Erde, mehr denn je, aber die gefährlichen Löcher sind dort, wo die Theorie verschwunden ist und eine Reflexionslücke klafft: als Einladung an in sich verriegelte, letztlich verödete Begriffe, ich nenne nur einige wenige, Identität, Würde, Missbrauch, Opfer, Schuld, Nation. Das verödete Wort ersetzt die Erzählung, aus einem Mangel an Geduld im Grunde: der Geduld, die das Erzählen so verlangt wie das Lesen von allem, was mehr als nur ein Aufzählen ist – und als Ausdruck äußerster Ungeduld kann man das allseits beliebte Ranking sehen.

          „Mein Freund, du küssest mich recht zärtlich“

             Wer sofort das Ende wissen will, ist für die Literatur verloren. Die Geschichte der Gefühle geht an ihm vorbei, und ich bin heute noch dankbar, neben dem Schulstoff-Goethe, der die Geduld auf harte Proben gestellt hat, auch einen ganz anderen erlebt zu haben, als Teil einer Theater-AG. Darum erlauben Sie mir, dem Anlass entsprechend, von einer Schülertheaterrolle zu erzählen, nach einem Splitter aus Goethes Werk, den vermutlich die Wenigsten kennen.

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