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Neues von Krabat : Nachrichten vom wendischen Faust

Krabat in der Zaubermühle, wie der Illustrator Herbert Holzing ihn sah. Bild: Herbert Holzing/Thienemann Verlag

Über zehn Jahre lang hat Otfried Preußler an seinem „Krabat“ gearbeitet. Der Blick in den unbekannten Nachlass zeigt, wie sehr er mit dem Stoff gerungen hat.

          11 Min.

          Wer Otfried Preußlers Bücher liest, stößt in beinahe jedem auf Magie: Da werden Menschen in Vögel verwandelt und Hunde in Krokodile, ein weißes Gespenst wird schwarz, Papierblumen fangen an zu duften, und aus einem Krug fließt im selben Moment Himbeersirup und dann wieder derber Schnaps. Wenn man Glück hat und an einen freundlichen Magier gerät, dann erfährt man, wie man vom Milchgesicht zum stärksten Mann weit und breit wird, zum „Starken Wanja“ – sieben Jahre auf der Ofenbank liegen, Sonnenblumenkerne verspeisen und anderen bei der Arbeit zusehen. Wenn man dagegen Pech hat, geht es einem so wie einem anderen Milchgesicht, dem jungen Krabat. Und aus der harmlos erscheinenden Zauberei wird plötzlich eine Angelegenheit von Leben und Tod.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn das erzählerisch gelingt, so wie in Preußlers Meisterwerk „Krabat“, für das der Autor vielfach ausgezeichnet worden ist, das zweimal verfilmt und längst zur Schullektüre geworden ist, dann entsteht ein Werk von großer Selbstverständlichkeit. Den mühseligen Weg bis zum fertigen Buch, die vielen Zweifel, die den Autor plagten, der sich seiner Sache gerade bei diesem Roman bis zuletzt alles andere als sicher ist – dem „Krabat“ ist all das nicht abzulesen.

          Er wolle sich „das Manuskript eines Abenteuerbuches, das im Dreißigjährigen Krieg spielt, wieder vornehmen“, schreibt Otfried Preußler am 16. Oktober 1958 an Lotte Weitbrecht, die Leiterin des Thienemann-Verlags, in dem seit 1956 seine Kinderbücher „Der kleine Wassermann“, „Die kleine Hexe“ und „Bei uns in Schilda“ erschienen waren. In einem Brief vom 8. Oktober 1959 wiederum an Lotte Weitbrecht schreibt Preußler: „Sie erinnern sich an den Plan mit den Zauberersagen. Ich habe mich nun doch dazu entschlossen, einen einzigen der sich thematisch ohnehin manchmal überschneidenden Sagenkreise herauszugreifen und durchzuarbeiten, den Sagenkreis um den wendischen Zauberkünstler Krabat aus der Lausitz, einen hier kaum bekannten, sehr bunten und zu allem Überfluß auch noch ‚moralisch einwandfreien‘ Stoff.“ Übrigens rechne er damit, im Januar 1960 ein Manuskript abzugeben, dessen Länge dem seines 1958 erschienenen Buchs „Bei uns in Schilda“ entsprechen werde und das für das selbe Lesepublikum gedacht sei („also von 10 bis 70“).

          Otfried Preußler 2013 im Alter von 89 Jahren, kurz vor seinem Tod
          Otfried Preußler 2013 im Alter von 89 Jahren, kurz vor seinem Tod : Bild: dpa

          Der Brief des damals knapp 36 Jahre alten Autors wirft ein Licht auf die Absichten, die am Anfang eines Projekts stehen, das er so rasch ausarbeiten wollte und doch erst nach zwölf Jahren mit mehreren Abbrüchen und Neuanfängen beenden konnte, wobei es seinen Ur­heber, wie es scheint, wiederholt in ernsthafte Krisen stürzte. Zudem erschien dann im Sommer 1971 ein „Krabat“, der sich in jeder Hinsicht grundlegend von den ersten Plänen und auch der fragmentarisch erhaltenen ersten Fassung unterscheidet, sodass man von einem ganz neuen Buch sprechen kann, auch wennes auf derselben sagenhaften Vorlage basiert. Und wenn in Preußlers Brief Krabats „Abenteuerlust“ benannt wird, die vielleicht auf das „Abenteuerbuch“-Manuskript verweist, wenn zudem dieselben Leser angesprochen werden sollen wie die seiner schwankhaften Nacherzählung des „Schilda“-Stoffes, dann werden in diesem Konzept ganz andere Akzente gesetzt als im „Krabat“ der letzten Fassung. So ist die Geschichte der Ent­stehung dieses großen Jugendromans, der quer durch alle Figuren von Verführung, Macht, Ohnmacht und Todesangst erzählt, auch die einer Emanzipation: In einem jahrelangen Prozess löst sich der Autor von den Quellen und gibt dem tradierten Stoff eine Fassung, die ganz ihm selbst angehört und wesentlich mit den Erfahrungen seines Lebens zu tun hat.

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