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Neues von Krabat : Nachrichten vom wendischen Faust

Am Ort des Geschehens: Wandergesellen bei der Arbeit am „Krabat-Erlebnishof“ unweit der ursprünglichen Mühle, im Hintergrund das Laubengang-Haus
Am Ort des Geschehens: Wandergesellen bei der Arbeit am „Krabat-Erlebnishof“ unweit der ursprünglichen Mühle, im Hintergrund das Laubengang-Haus : Bild: Matthias Lüdecke

Manche Episoden der Vorlage, die Preußler noch im hinterlassenen Konvolut der Sechzigerjahre aufgreift, fallen dadurch weg, andere werden geschickt in die drei Jahre integriert. Vor allem werden Erlebnisse des traditionellen sorbischen Zauberers Krabat wie dessen Kutschfahrt durch die Luft, das Beraten Augusts des Starken oder auch die Errettung des Herrschers samt Ermordung des besten Freundes hier auf den Meister übertragen und als Erzählung oder als Gruppentraum in den Roman eingebracht – ein folgenreicher Kunstgriff Preußlers: Der Meister des Romans verkörpert das, was der Krabat der Tradition erst noch werden wird, sodass die beiden Gestalten in eins zu fallen drohen. Preußler verdeutlicht das, indem er seinen Meister Krabat anbieten lässt, sein Nachfolger zu werden. Umso mehr Gewicht hat Krabats Entscheidung, dieses Angebot auszuschlagen. Er entsagt der Magie, während der „wendische Faust“ der Vorlage bis an sein Lebensende zaubern wird. Der Möglichkeit einer Läuterung im vorgerückten Alter und einer Erlösung trotz früherer schwarzmagischer Umtriebe scheint Preußler nicht allzu weit zu trauen. Sein Krabat muss einen anderen Ausweg finden.

Angeregt durch Kindheitslektüre, befördert durch die Freude am Nacherzählen tradierter Sagenstoffe – Preußlers „Krabat“ verdankt sich zweifellos diesen Impulsen seines Autors. Zugleich aber ist die Spur unübersehbar, die seine Schriftstellerbiographie in der besonderen Gestaltung dieses Romans hinterlassen hat, Erlebnisse, wie sie für seine Generation nicht ungewöhnlich sind. Dass der bei Kriegsbeginn knapp sechzehnjährige Preußler dem nationalsozialistischen Regime zustimmte, ist einem Werk des jungen Autors abzulesen, dem Jugendroman „Erntelager Geyer“, der wahrscheinlich erschien, als Preußler noch keine zwanzig Jahre alt war. Bald darauf, mit knapp einundzwanzig, geriet er 1944 in russische Kriegsgefangenschaft, die er nur haarscharf überlebte – erst im Juni 1949 traf er im bayerischen Rosenheim ein, um sein Nachkriegsleben zu beginnen.

Züge eines totalitären Systems

„Mein Krabat ist . . . die Geschichte eines jungen Menschen, der sich mit finsteren Mächten einlässt, von denen er fasziniert ist, bis er erkennt, worauf er sich da eingelassen hat“, schreibt Preußler 1992: „Es ist zugleich meine Geschichte, die Geschichte meiner Generation, und es ist die Geschichte aller jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen und sich darin verstricken.“ Tatsächlich trägt die Herrschaft des Müllers Züge eines totalitären Systems, das niemand unerlaubt verlassen darf, das von andauernder Kontrolle und Überwachung geprägt ist bis hin zum lange Zeit glaubhaften Anspruch des Müllers, er allein bestimme, wer auf dieser Mühle sterbe – ein System, das zugleich denjenigen, die sich darauf einlassen, sagenhafte Macht über Dritte verleiht.

Sinnbild für diese Kontrolle ist aus­gerechnet ein Gebrechen des Müllers: Wohin Krabat auch geht, er trifft auf Gestalten – Menschen oder Tiere –, die einäugig sind wie der Meister, und weder Krabat noch der Leser wird daran zweifeln, dass es eben der verwandelte Müller ist, der seinen Knappen auch jenseits des Koselbruchs überwacht. Diese demon­strative Einäugigkeit ist ein deutliches Signal des Meisters an Krabat: Schau her, ich bin’s, und ich behalte dich im Auge. Zugleich kann man es als ein Signal des Autors an seine Leser betrachten: Wo und was auch immer der Meister gerade ist, seine Perspektive ist defizitär, es fehlt ihm etwas.

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