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Fontane als Comic : Wenn der Wolf zutage tritt

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Schwarze Silhouetten lassen an Scherenschnitte denken, dazu gesellt sich ein schlammiges Grüngold in Birgit Weyhes Interpretation der Novelle „Unterm Birnbaum“. Bild: Carlsen Verlag

Comic-Helden wie Lucky Luke, Asterix und Spiderman haben Kultstatus, nicht nur bei Kindern – aber die deutsche Literatur des Realismus in Comicstrips und Sprechblasen? Birgit Weyhe macht aus Fontanes „Unterm Birnbaum“ einen Comic.

          „Unterm Birnbaum, da liegt er, der Wolf“, windet sich Frau Hradscheck im Fiebertraum, aber da leuchten schon wie ein düsteres Omen die Umrisse eines Totenschädels in den Zweigen auf. Im Vorfeld des zweihundertsten Geburtstags von Theodor Fontane im Dezember ist jetzt dessen Novelle „Unterm Birnbaum“ erschienen – als Neubearbeitung in Comicform und als fünfter Teil einer Reihe namens „Die Unheimlichen“. Die versteht sich als Spielwiese für die deutsche Comicszene ebenso wie als Verbeugung vor dem Schauergenre. Geschichten von so unterschiedlichen Autoren wie Edgar Allan Poe oder Elfriede Jelinek werden dort zeichnerisch neu interpretiert.

          In „Unterm Birnbaum“ vermengen sich Horror und Krimi: Die Geschichte des Wirtshausbesitzers Abel Hradscheck, der aus Angst vor der Armut gemeinsam mit seiner Frau einen Mord begeht, erschien, inspiriert von realen Mordfällen, zwischen 1883 und 1885 als Fortsetzungsroman in der monatlichen Illustrierten „Die Gartenlaube“. Den dialogreichen Ursprungstext hat die Comiczeichnerin und -autorin Birgit Weyhe („Madgermanes“) für den Comic auf das Wesentliche zusammengezurrt – und schafft es dabei dennoch, eigene Akzente zu setzen.

          Sofort fallen etwa die grafischen Muster ins Auge, die ihren Zeichenstil prägen und die Strenge der zweifarbigen Seiten auflockern: Schwarze Silhouetten lassen an Scherenschnittanimationen denken, dazu gesellt sich ein schlammiges Grüngold. Durch Weyhes wackelige Linienführung verzerrt sich das florale Muster eines Kleidungsstücks skelettartig, und all die Ornamente, das Materielle, nach dem die Hradschecks so verzweifelt streben, scheint ihnen die Luft zum Atmen und klaren Denken zu ersticken. Tritt dann der Wolf in ihnen zutage, verwischen die Silhouetten, werden zu wilden Schemen, menschliche und tierische Formen sind so kaum noch auseinanderzuhalten.

          Anlässlich des zweihundertsten Geburtstags von Theodor Fontane im Dezember ist jetzt dessen Novelle „Unterm Birnbaum“ in Comicform erschienen. Bilderstrecke

          Fontane bettete die Morde im Zentrum seiner Geschichte in die vergiftete Atmosphäre einer kleinen preußischen Dorfgemeinde – Birgit Weyhe holt diesen Kontext in ihren Comic, indem sie vor allem das Schicksal der weiblichen Figuren in den Fokus nimmt: Frau Hradscheck, die ihr Gewissen plagt, die alte Nachbarin, die neugierig am Fenster das Geschehen im angrenzenden Garten beobachtet. In den wenigen Worten, die Wehye ihnen in den Mund legt, spiegeln sich unerfüllte Träume und dräuende Ängste.

          Theodor Fontane und Birgit Weyhe: „Unterm Birnbaum“.

          Aus der Serie „Die Unheimlichen“, herausgegeben von Isabel Kreitz. Carlsen Verlag, Hamburg 2019. 80 S., br., 12,– .

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