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Neue Stefan Zweig-Biographie : Die Prachtentfaltung eines Pfaus

  • -Aktualisiert am

Chronist der Weltbürgerlichkeit: Stefan Zweig Bild: dpa

Ulrich Weinzierl kommt Stefan Zweigs „brennendem Geheimnis“ auf die Schliche. Allerdings unterlaufen dem Detektiv auch Ermittlungsfehler und philologische Ungenauigkeiten – um Zweigs Andenken nicht zu schaden?

          5 Min.

          Stefan Zweigs Erzählungen, die biographischen Essays sowie seine Autobiographie „Die Welt von gestern“ erfreuen sich noch immer weltweiter Beliebtheit. Der „New Yorker“ erwies ihm siebzig Jahre nach seinem Suizid im brasilianischen Exil 2012 daher die Ehre eines langen Essays unter dem bezeichnenden Titel „The Escape Artist“. Da wurde der Mythos des eleganten und distanzierten typischen Wieners durch den der fragilen, gequälten Seele ersetzt. Ein Buch, das die Lüftung der Geheimnisse dieses literarischen Eskapisten verspricht, darf auf viele neugierige Leser in aller Welt hoffen.

          Ulrich Weinzierl, der vielfach ausgewiesene Kenner der Wiener Moderne, legt seine biographische Abhandlung wie eine Kriminalgeschichte mit suspense an, die den Leser auf falsche Fährten führt und beträchtlich auf die Folter spannt. Ermittlungsarbeit betreibt Weinzierl aber schon in den Szenen der Ehe Zweigs mit seiner ersten Frau Friderike, geschiedene von Winternitz, die ihn nicht nur mit List und Tücke an sich band, sondern sich als verbliebene Witwe mit allen Mitteln der Zensur und der Fälschung die Deutungshoheit über Zweigs Leben sicherte. Sie war es, die ihn einen „Allversteher“ nannte. Wie er die grauenvoll pathetischen Texte seiner intriganten Angetrauten nicht nur aushielt, sondern auch noch lobte, bestätigt die ihm nachgesagte Großzügigkeit. Zweig erscheint hier als ein aktiver sexueller Freigeist, was aber zwischen den Eheleuten so wenig ein Geheimnis war wie in der Literatur über den Dichter.

          Er soll Exhibitionist gewesen sein

          Im Mittelteil des Buchs geht es um „Verwirrung der Gefühle“. Weinzierl geht den Gerüchten nach, dass der Mann, der die Frauen liebte, besonders die jungen, eigentlich schwul gewesen sei. Dabei kommt allerlei mehr oder weniger Interessantes über Zweigs verständnisvolle Freundschaft mit homosexuellen Männern wie Klaus Mann heraus. Über einige Lappalien gleichgeschlechtlicher Praxis im Freien hinaus erscheint eine ausgeprägte homosexuelle Veranlagung Zweigs aber abwegig. Die „Gilde“ der Homosexuellen seiner Zeit war ihm, Weinzierl zufolge, sogar eher „ziemlich zuwider“. Von einem brennenden Geheimnis ist jedenfalls in dieser Beziehung und nach fast zwei Dritteln des Buches immer noch keine Rede.

          Stefan und Friderike Zweig mit deren Töchtern aus erster Ehe, Suse und Alix von Winternitz, im Garten der Salzburger Villa

          Dann naht das Finale. Zunächst mit der Vernehmung einer längst bekannten Briefstelle Thomas Manns von 1954, die dem Romancier nach wie vor keine Ehre macht. „Der weltberühmteste deutsche Schriftsteller der jüngst vergangenen Zeit, Stefan Zweig, soll Exhibitionist gewesen sein. Mir hat er es nicht gestanden, aber in der Intimität weiß man es ... Höchst sonderbar! Ich gestehe, daß gerade vor dieser Passion mein Verständnis halt macht, während es sonst ziemlich weit reicht.“ Weinzierl zufolge könnte das Gerücht über Klaus Mann an den Vater gekommen sein. Dass Zweig sich wirklich exhibitionistisch betätigte, wurde aber von dem Psychiater Thomas Haenel, Verfasser einer Studie zu Zweigs Seelenleben, als unglaubwürdig abgetan. Für die Biographen Donald Prater und Oliver Matuschek waren eher die Erinnerungen Benno Geigers von 1958 die Quelle des Verdachts, den aber beide mit Hinweis auf Geigers Unzuverlässigkeit für unbegründet hielten.

          Das Prunken mit weiblichen Reizen

          Die Auflösung erinnert an Edgar Allan Poes Geschichte vom entwendeten Brief. Der „Beweis“, so Weinzierl in der Rolle des Detektivs Dupin, liege offen zutage. Er sei aber bisher übersehen respektive überlesen worden. Es handele sich nämlich gleich um die erste erhaltene Eintragung von Zweigs Tagebuch vom 10. September 1912: „Dann spazieren, Liechtenstein, schaup. Das Object zu jung noch ohne tieferes Interesse, mehr frappiert als schon an richtiger psychologischer Stelle erfaßt.“ Die Abkürzung löst Weinzierl zu der merkwürdigen Bildung „Schauprangertum“ auf. Das sei die vom Dichter erfundene Bezeichnung für seine exhibitionistische Neigung. Das frappiert zunächst den Leser, doch leistet sich der Detektiv hier einen Doppelfehler. Der Begriff stammt nämlich gar nicht von Zweig, sondern findet sich nur in den Memoiren seines charakterlosen Freundes Benno Geiger, dem in der Zweig-Biographie von Oliver Matuschek „blühende Phantasie“ bescheinigt wird. Auch Weinzierl „attestiert ihm betrübliches Niveau“, um trotzdem auf ihn hereinzufallen.

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