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Biller über Bernhard : Dieser opportunistische Kaffeehaus-Schreihals

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Als Nächstes kam der Anton-Wildgans-Preis, und weil derselbe Kulturminister seine Teilnahme an dieser Preisverleihung aus natürlicher Bernhard-Aversion abgesagt hatte, wurde die ganze Zeremonie abgesagt, und das fand der große Allesverneiner Thomas Bernhard noch viel schlimmer als die Sache mit dem Ausländer beim verfluchten Kleinen Staatspreis, eine „Schweinerei“ fand er das, ja, genau. Dann traf er im Kaffeehaus seinen Freund Gerhard Fritsch, den Schriftsteller und Mitglied in der Anton-Wildgans-Preis-Jury, und forderte ihn auf, Zivilcourage zu zeigen und wegen der „Schweinerei“, die ihm angetan wurde, aus der Jury auszutreten. Aber Fritsch sagte, das könne er nicht, er brauche das Geld für seine vielen Frauen und Kinder. Und als was beschimpfte daraufhin Bernhard den Fritsch, der genau wie Bernhard seinen Opportunismus so gut und spießbürgerlich zu begründen wusste? Als inkonsequent und armselig. Aha, natürlich, danke. „Nicht lange nach dieser Unterredung“, beendet Thomas Bernhard die Anton-Wildgans-Preis-Geschichte in „Meine Preise“ mit einer Kälte, hinter der sich der hitzige Gedanke verbirgt, der verlorene Freund und Verräter habe es nicht anders verdient, „hat sich Fritsch an dem Haken seiner Wohnungstür aufgehängt. Sein von ihm selbst verpfuschtes Leben war ihm über den Kopf gewachsen und hatte ihn ausgelöscht“. Ja, was für ein bigottes, katholisches, larmoyantes Mitläufer-Arschloch, dieser Thomas Bernhard!

Hier hat er die Wahrheit gesagt, auch und gerade über sich

Ich glaube, der verlogene Held unseres verlogenen Bildungsbürgertums war in keinem seiner Bücher so ehrlich wie in „Meine Preise“. Das gehört aber immer dazu, wenn man ein großer Schriftsteller sein möchte. Endlich versteckte er sich nicht hinter seinem fast schon kolumnistenhaften, unliterarischen, unbegründbaren Hass auf andere und hinter seinem allesverdunkelnden, redundanten Schleifenstil, der den Leser so lange einlullt und hypnotisiert, bis der gar nicht mehr weiß, was er liest, außer, dass er liest, und das ist etwas, was deutsch sprechende und deutsch nichtdenkende Halbdenker immer am liebsten machen, also so tun, als ob - als ob sie die Literatur lieben, als ob sie verstehen wollen, was sie lesen, als ob sie die Welt schöner, wahrer, besser machen wollen. Auf dieser Lüge basierte schon immer die ganze antiaufklärerische Hölderlin-, Thomas-Mann- und Rainald-Goetz-Verschwörung, und wer mir das Gegenteil beweisen kann, bekommt von mir den Ilf-und-Petrow-Preis und zehn Rubel.

In „Meine Preise“ hat Bernhard endlich einmal mit diesem deutschen Bildungbürgerkonsens gebrochen, er hat erzählt, wie es wirklich war und wie es ist, er hat die Wahrheit gesagt, nichts als die Wahrheit, auch und gerade über sich und seine Heuchelei und Schwäche, was er sonst nie tat, und darum ist dieses Buch so gut, so sehr LITERATUR und REALITÄT in einem, und darum erkennt man, wenn man es liest, wie beschissen und verlogen und unliterarisch seine anderen Bücher waren. Ihm selbst ist einmal die ganze Wahrheit rausgerutscht, seine eigentliche Poetik sozusagen, er hat, wenn man so will, gegen die deutsche Künstler-Omertà verstoßen, und er hat allen, die es verstehen wollten, verraten, wie seine so raffiniert weltabgewandte Un-Literatur funktioniert. Das war in seiner Rede zum Büchnerpreis, den er natürlich annahm, was sonst. „Was wir veröffentlichen“, sagte er dort, „ist nicht identisch mit dem, was ist, die Erschütterung ist eine andere, die Existenz eine andere.“ Wenn Saul Bellow, Denis Johnson oder Pasternak das hören würden, würden sie nicht glauben, dass es eine Sprache auf der Welt gibt, in der man sich trauen kann, ein solches irreguläres, unehrliches, dämliches, ängstliches, amateurhaftes Literaturkonzept zu formulieren, ohne vom Podium verjagt zu werden.

Ich schwöre - das wollte ich übrigens auch noch schnell sagen, denn ich selbst bin alles andere als ein Mitläufer mit geballter Faust in der Tasche -, ich schwöre, ich werde niemals einen Literaturpreis annehmen. Außer natürlich meine Tochter sagt, sie will nach der Schule unbedingt nach Harvard, und wir brauchen das Geld.

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