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Biller über Bernhard : Dieser opportunistische Kaffeehaus-Schreihals

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Ja, es ist wirklich sehr aufregend, ein Schriftsteller zu sein - vor allem wenn man so talentiert und mutlos ist wie Thomas Bernhard. Womit ich beim Bremer Literaturpreis wäre. Diesen Preis - es ist das Jahr 1964 - hasste Thomas Bernhard ganz besonders, allein schon wegen der sterilen Kleinstadt Bremen und ihrer kleinbürgerlichen Großbürger, von denen er ihn entgegennehmen sollte. Und dann saß er auch schon in diesem spießbürgerlichen Bremen im Hotel, und ein paar Bremer Bürgermonster kamen, um ihn zur Preisverleihung abzuholen. Er fühlte sich, sagt er, schreibt er, als führten sie ihn „zu einer Gerichtsverhandlung“ ab. „Sie hatten ihren Häftling in die Mitte genommen und waren mit ihm vom Hotel in die Stadt hineingegangen ins Rathaus“. Wer fragt sich nicht an dieser Stelle, warum Bernhard auf Josef K. machte und mitging. Wäre es so schwer gewesen, nein zu sagen? Hätten sie ihn erschossen? Aber der grummelnde Heuchler und Mitläufer und Schein-Widersprecher Bernhard hatte bei jedem Preis, den er hasste, aber annahm, eine Begründung gefunden, warum er sich in sein Preisträgerschicksal zu fügen hatte. Meistens war es natürlich wegen des Geldes, weil er gerade Schulden bei seinem Lektor hatte oder er noch ein Haus kaufen wollte, und den Büchnerpreis akzeptierte er nur deshalb, denkt er, sagt er, schreibt er, weil die „Tante“ am selben Tag Geburtstag hatte wie Büchner, und den Österreichischen Staatspreis nahm er nur an, weil sein geliebter Großvater, der heimatliche Schwachschreiber Johannes Freumbichler, ihn auf den Tag genau dreißig Jahre zuvor bekommen hatte, und so weiter.

Was für ein bigottes, katholisches, larmoyantes Mitläufer-Arschloch!

Ein Jahr nach Bremen musste Thomas Bernhard wieder nach Bremen, jetzt war er selbst Mitglied in der Preisjury, und als er Elias Canetti vorschlug, sagte jemand am Tisch, um seine Ablehnung zu begründen: „Der ist ja auch Jude“, und das war es. Endlich! Endlich konnte der große Held und Arschlochbeschimpfer und Mitläuferverächter Thomas Bernhard zeigen, was für ein anständiger Mensch er selbst war. Aber er sagte nichts, gar nichts, er „zog es vor, mich an der weiteren Debatte überhaupt nicht zu beteiligen“, dieser beschissene, feige Mitläufer, der er selbst war - und das ist noch nicht alles. Als er drei Jahre darauf beim Österreichischen Staatspreis - dem verdammten Kleinen Staatspreis, denn wenn schon, dann hätte er natürlich lieber den Großen Staatspreis bekommen, weil den Kleinen bekamen nur „Arschlöcher“, wie er in „Meine Preise“ seitenweise seine jüngeren Kollegen beschimpft -, als er vom Kulturminister als „ein in Holland geborener Ausländer, der unter uns lebt“ beleidigt wurde, stand er ebenfalls nicht auf und widersprach nicht oder ging raus, obwohl er am liebsten den Minister geohrfeigt hätte. Und das ist immer noch nicht alles!

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