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Biller über Bernhard : Dieser opportunistische Kaffeehaus-Schreihals

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Am ergreifendsten und poetischsten und am wenigsten Bernhard ist aber die Geschichte von Bernhards weißem Triumph Herald mit den roten Ledersitzen. Damals, es war das Jahr 1964, schwamm der Prosa-Parvenü Bernhard noch mitten in der postnatalen Euphoriewelle, die man nach jedem zu Ende geschriebenen Roman hat, vor allem, wenn es der erste ist, und das war „Frost“. Und dann kam auch noch der Julius-Campe-Preis! 5000 Mark, 35 000 Schilling, keine feierliche Zeremonie, keine Reden von Idioten, keine Rede für Idioten, kein Händeschütteln, nur eine Reise nach Hamburg, das er immer schon liebte, weil man ihn dort schon immer liebte, im Gegensatz zu Salzburg und Wien, und in Hamburg also den Scheck bei Hoffmann & Campe abholen, im Verlag des von ihm vergötterten Heinrich Heine. Dies war ein Preis - der einzige in seinem Leben -, den Thomas Bernhard mochte und wollte. Kaum war er wieder zurück in Wien, sah er im Schaufenster des besten Autohauses der Stadt einen besonders schönen Wagen, der genau 35 000 Schilling kostete. Er kaufte den kleinen, weißen, stolzen Triumph auf der Stelle und liebte ihn, wie andere Menschen Menschen lieben.

Er fuhr damit am gleichen Tag fast bis nach Ungarn, und dann fuhr er wieder zurück und zeigte das Auto stolz seiner seltsamen Tante, die gar nicht seine Tante war, sondern nur 35 Jahre älter als er und sein „Lebensmensch“, wie er sie nannte, und genauso nannte neulich der Liebhaber von Jörg Haider den dreißig Jahre älteren Jörg Haider nach seinem tödlichen Autounfall, und ob das etwas darüber sagt, ob Thomas Bernhard auch sexuell ein Heuchler war und nicht nur moralisch-literarisch, ist eine andere Geschichte - oder auch nicht. Danach fuhr Bernhard mit der „Tante“ und dem Triumph nach Lovran, nach Kroatien, und dort schrieb er schnell die Erzählung „Amras“. Wenn er nicht schrieb, bestieg er in Turnschuhen und Sommerhose und kurzärmeligem Hemd den Monte Maggiore oder fuhr mit dem Triumph an der Mittelmeerküste spazieren und „war so glücklich wie noch nie“. Fünf Tage, nachdem er das Manuskript von „Amras“ nach Frankfurt geschickt hatte, kam ein Telegramm aus Frankfurt: „,Amras' hervorragend, alles in Ordnung.“ Jetzt war er noch glücklicher und fuhr singend nach Rijeka, und auf dem Rückweg fuhr ihm ein dämlicher Jugoslawe seinen schönen Triumph total kaputt, und Bernhard blutete so stark am Kopf, dass er dachte, das ist das Ende, auf das er sich seit seiner Kindheit eingestellt hatte.

Wäre es so schwer gewesen, nein zu sagen?

Seitdem, schreibt er, war nichts mehr, wie es vorher war in seinem Leben, obwohl „Amras“ erschien und gelobt wurde, obwohl die Versicherung ihm einen neuen Triumph bezahlte, obwohl er danach noch oft an die grünblaue Küste von Kroatien fuhr. Man glaubt es ihm, absolut, bis in die tiefsten metaphysischen Nervenspitzen, man fühlt es, man will so was schrecklich Schönes selbst auch einmal erlebt haben, und man denkt, ganz schön Dostojewskij, dieser Bernhard, wenn er sich nur anstrengt.

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