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Biller über Bernhard : Dieser opportunistische Kaffeehaus-Schreihals

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Ja - warum eigentlich? Die ungewöhnlich leicht und unredundant und unverspannt und ungestelzt und auch sonst nicht besonders bernhardesk erzählten autobiographischen Geschichten in „Meine Preise“ (Suhrkamp 2009, 15,80 Euro) handeln davon, jedenfalls auf den ersten Blick, wie unangenehm es für Thomas Bernhard immer war, für seine Arbeit als Schriftsteller einen Preis zugesprochen zu bekommen - und ihn dann auch noch anzunehmen. Das klingt schon mal nach einem verdammt uninteressanten interessanten Thema, und das ist es auch. Und es klingt widersprüchlich, verlogen, opportunistisch und dadurch hochliterarisch - und das ist es ebenfalls. Doch bevor man anfängt, Bernhard dafür zu hassen, dass er nein denkt, aber ja sagt, merkt man, dass es in diesem so angenehm thesenlosen und dafür umso erzählerischeren Erinnerungsband nicht nur darum geht, was für ein Heuchler er war, sondern auch, was für ein großes Abenteuer es ist, Schriftsteller zu sein, obwohl man meistens allein an seinem Schreibtisch sitzt, auch als Heuchler, gerade als Heuchler.

Maxim Biller

Jeder Preis, den Thomas Bernhard in seinem Leben bekam, hatte seine Geschichte, und die war mal tragisch, mal komisch, mal beides. Einmal starb der einzige erträgliche Mensch, der nach einer Preisverleihung beim Essen neben ihm saß und so viel lebendiger und interessanter war als jeder Kritiker oder Kulturbeamte, zwei Wochen später, genauso wie Bernhards vertratschter Verleger es flüsternd prophezeit hatte, und dass der Tote, der Präsident der Salzburger Handelskammer, Bernhard dreißig Jahre vorher die Prüfung als Kaufmannsgehilfe abgenommen hatte, gab der Sache einen ungewohnt menschlichen, melancholischen, unbernhardhaften Scott-Fitzgerald-Touch. Ein anderes Mal kaufte sich Bernhard eine halbe Stunde vor dem Festakt einen sehr teuren Anzug, den ersten seit einem Vierteljahrhundert, bei „Sir Anthony“, am Graben, und dann ging er in die Akademie, nahm genervt und beleidigt, weil er nicht so beachtet wurde, wie er beachtet werden wollte, der Doppelmoralist, den Grillparzerpreis entgegen, bei dem es nicht einmal Geld gab. Eine halbe Stunde danach tauschte er den Anzug bei „Sir Anthony“ sofort wieder um, weil er sich vor lauter Nervosität in der Größe verschätzt hatte, so dass irgendwann später irgendjemand anderes diesen Anzug kaufte, der schon mal mit Thomas Bernhard beim Grillparzerpreis war. Wie absurd, wie komisch - und mehr Kafka als Bernhard.

Er liebte seinen Triumph, wie andere Menschen Menschen lieben

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