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Bilderbuchkünstler Peter Schössow : Hundertstundenwoche? Aber klar!

  • -Aktualisiert am

Bild aus der traurigen Romanze „Der arme Peter“ Bild: Carl Hanser Verlag

Peter Schössow ist ein erstklassiger Bilderbuchkünstler. Gerade ist „Der arme Peter“ nach Heinrich Heine erschienen. Bei einem winterlichen Spaziergang erzählt er davon.

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          Vor einem Haus in der Hamburger Emilienstraße steht ein schwarzer Honda. Der Wagen ist leicht bemoost; das Gras, das früher einmal aus den Gummidichtungen der Fenster wuchs, hat Peter Schössow aber inzwischen entfernt. Im April 2012 hatte ihm ein Nachbar geholfen, die Batterie aufzuladen, damit er seine Freundin zum Bahnhof fahren konnte, seitdem steht der Wagen wieder vergessen vorm Haus. Jetzt muss Schössow bald zum TÜV. Der Honda ist neunzehn Jahre alt.

          Peter Schössow ist neunundfünfzig. Er sitzt im Arbeitszimmer seiner Wohnung am Schreibtisch, zwischen den Lippen eine filterlose Zigarette. Neben dem Grafiktablett steht der Aschenbecher, vor dem Bildschirm des Rechners eine Donald-Duck-Figur mit Wackelkopf. Becher und Büchsen mit Pinseln und Stiften gibt es, obwohl Schössow längst mit Photoshop arbeitet und seit zehn Jahren nur noch am Rechner zeichnet. Kisten, Kästen, Stapel von Büchern und DVDs, Michael Sowas „Schweinelampe“, Tim und Struppi, Micky Maus. In einem der anderen Zimmer steht neben einem aus Pappe zusammengebastelten Selbstporträt das Modell des Segelschiffes, das man aus Schössows Ende der achtziger Jahre erschienenem Bilderbuch-Klassiker „Ich, Kater Robinson“ kennt, der von Harry Rowohlt mit einem widerborstigen Text versehenen Autobiographie eines verstoßenen, auf der Suche nach Glück und großer Liebe durch St. Pauli streunenden jungen Katers. Vor dem Büroschrank eines Sheriffs, den sich Schössow irgendwann mal in Amsterdam organisiert hat, liegt der Staubsauger.

          Der ganze Tag gehört dem Tüfteln

          Alles wie beim letzten Besuch: Kaffee und Zigaretten, das leise Summen des Rechners, das unermüdliche Klicken der Maus - nur „Der arme Peter“, Schössows neues Bilderbuch, an dem er beim letzten Mal noch gearbeitet hatte, ist fertig. Die Jalousien sind hochgezogen, trübes Herbstlicht liegt über den kahlen Bäumen des gegenüberliegenden Parks. Aus den Fenstern der im fünften Stock gelegenen Wohnung geht der Fernblick bis zum Turm des Michel und der Ruine der Elbphilharmonie. „Wenn man mit so einem Projekt durch ist, muss man sein Leben natürlich erst mal wieder neu organisieren“, sagt Schössow und öffnet am Rechner die Datei mit dem Layout. „Ich habe ausgerechnet, dass ich bei der Arbeit auf eine Hundertstundenwoche gekommen bin - sieben Tage mit vierzehn Stunden pro Tag. Man wacht morgens auf und ist sofort mit seinem Thema beschäftigt. Man wirft einen flüchtigen Blick auf das, was man nachts gemacht hat, tüftelt gleich wieder fünf Stunden herum und raucht und raucht und raucht, bis einem einfällt, dass man ja noch schnell etwas einkaufen muss.“

          Nebelschwaden im Dämmerlicht, Leichenblässe, schauerlich: In „Der arme Peter“, seiner grandiosen Interpretation von Heinrich Heines freudloser Romanze, inszeniert Schössow die Geschichte des von der Grete unbeachteten Peter, der vor Liebesleid dem Grab entgegenwankt, als herzergreifendes Kinderspiel. „Dass man von einem Freund oder einer Freundin stehengelassen wird, die plötzlich jemand anderen interessant findet, kennt bestimmt jedes Kind“, sagt Schössow, „ich jedenfalls habe das so erlebt.“ Er öffnet die Datei mit den Studien eines somnambulen Peter in unterschiedlichen Haltungen, mit der eingescannten Skizze des Zuschauerraums eines Theaters, in dem bei Schössow eine Handvoll Kinder Heines Gedicht als Stück aufführen. Er öffnet die Datei mit seinen „Bastelbögen“, den am Rechner gezeichneten Armen und Beinen, aus denen er Figuren zusammensetzt, eine Datei mit den Fotos, die er vor Jahren in Brasilien auf einem alten Friedhof aufgenommen hat. Schössow fotografiert auch Felsen und Flechten, deren Strukturen er benutzt, um glatte Flächen aufzulösen und den am Rechner entstandenen Illustrationen Patina und Atmosphäre zu verleihen.

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