https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/besuch-bei-einem-verzweifelten-mathematikstudenten-16430149.html

Besuch bei einem Studenten : Ein deutscher Untergeher

  • -Aktualisiert am

Die dänische Performance-Künstlerin und Schriftstellerin Madame Nielsen Bild: Sofie Amalie Klougart

Er weiß nicht, wie er weiterkommen soll, mit dem Studium, mit der Zukunft, er geht unaufhörlich auf und ab: Im Stockwerk über mir. Begegnung mit einem Mathematikstudenten und der deutschen Seele.

          8 Min.

          An einem späten Abend mitten im Sommer, es war Ende Juli, lag ich in meinem großen Bett in meiner herrschaftlichen Wohnung an einem Platz im alten West-Berlin und wollte schlafen, aber langsam, als ich hinunter in die Stille sank, bemerkte ich, als steige es allmählich wie Minimal Music aus der Stille empor, dass jemand in der Wohnung über mir drei oder vier Schritte in die eine Richtung ging, dann eine kurze Pause, in der er oder sie sich wahrscheinlich umdrehte, und dann wieder drei oder vier Schritte in die andere Richtung und so weiter und so fort.

          Jemand übt, sehr diszipliniert, sehr deutsch, dachte ich, Tanz, oder vielleicht ist es eine Art Workout? Und wirklich sehr diszipliniert: pausenlos, rhythmisch, eine halbe Stunde, eine ganze verging, irgendwann ging ich im Schlaf unter und wachte erst am frühen Morgen wieder auf und lag zuerst immer noch dösig und lauschte dem Vorbeirollen der Autos unten auf dem Platz, erst über Asphalt, dann die knusprigere Musik von Reifen über Pflasterstein, ein Rollkoffer ratterte unten vorbei, Klirren von Aschenbechern, die die asiatische Putzfrau beim Café gegenüber im Morgensonnenlicht als Letztes vor ihrem frühen Feierabend auf den braunen Tischen plazierte, und dann: fing es über mir wieder an: drei oder vier Schritte, kehrt!, drei oder vier Schritte, kehrt!, und so weiter und so fort.

          Waren die Deutsche nicht immer so?

          Der – oder sie – ist ja verrückt, dachte ich, keine gentrifiziert disziplinierte Tänzerin oder Fitnessbesessene, sondern eine Verrückte! (Aber waren sie letzten Endes nicht immer so, dachte ich, die Deutschen: am Anfang immer sehr diszipliniert, Ordnung muss sein, früh aufstehen und sofort an die Arbeit, Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und in wenigen Monaten im Frühling 1944 mehr Beton und Bunker durch ganz Westjütland, die ganze Nordseeküste von Skagen bis runter zur Grenze geschafft, als die Dänen in den jetzt fast 75 Jahren danach nicht mal geschafft haben, und aber dann, wie Hölderlin, wie Nietzsche, die größten deutschen Genies der Weltgeschichte, von einem Moment zum andern in den Wahnsinn, die tiefe Nacht hinunter- und hineingestürzt?!)

          Ich stand auf, machte meine eigenen Übungen, die aber undiszipliniert nur etwa 20 Minuten dauern, kochte Haferbrei, aß ihn im zarten Morgensonnenlicht auf dem Balkon, putzte meine Zähne und setzte mich an die Arbeit. Unmöglich, dieser Wahnsinn auf den Parkettböden über mir: drei oder vier Schritte, kehrt!, drei oder vier Schritte, kehrt!, und so weiter und so fort. Ich seufzte, stand auf und stieg das, für mich, als Ausländerin, aus der ärmeren, nördlicheren Provinz, am ersten Tag ehrfurchterregend prachtvolle kaiserlich deutsche Treppenhaus hinauf in die erste Etage und klingelte, lauschte, jemand bewegte sich, drei oder vier Schritte, kehrt! drei oder vier Schritte, kehrt!, ich klingelte, schlug mit der Faust gegen die ornamentierte weiße und ehrfurchterregende deutsche Tür, und endlich wurde sie, aber nur einen Spalt, aufgemacht, und ein verschwitzter junger Mann, oder eher großer Junge, so sechzehn Jahre alt, Gymnasiast, dachte ich, in schwarzen Jeans und schwarzem T-Shirt, vom Schweiß klebrige Haare und wilde Augen, starrte hinaus.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) am 8. Februar auf der Regierungsbank im Bundestag, links neben ihm Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne)

          Flüchtlingskrise : Weiß es auch der Kanzler nicht?

          Vor dem EU-Gipfel zur Migrationspolitik hätte eine Regierungserklärung wenigstens andeuten müssen, wie Olaf Scholz die Schwierigkeiten bewältigen will, die sich seit Monaten aufgestaut haben. Dazu war nichts zu hören.
          Die gefälschten Titelblätter der Satire-Zeitschriften.

          Russland fälscht Satireblätter : Das ist keine Satire, das ist dumpfe Propaganda

          Die russische Propaganda tobt sich auf einem neuen Feld aus. Sie fälscht Titel von Satireblättern wie „Charlie Hebdo“, „Mad“ und „Titanic“. Die Botschaft lautet: Die Ukrainer seien Nazis und die Europäer hätten die Ukraine-Hilfe satt. Ein Gastbeitrag.

          Erdbeben in der Türkei : „Wir hören Stimmen“

          Während den Rettern die Zeit davonläuft, beginnt der Kampf um die Deutung des Umgangs mit der Katastrophe. An vielen Orten ist noch keine Hilfe angekommen. Die türkische Regierung reagiert dünnhäutig und schränkt Twitter ein.
          Präsident Selenskyj trifft König Charles III. auf Europa-Tour

          Selenskyj in London : Ganz nach britischem Geschmack

          Bei einem Überraschungsbesuch dankt Präsident Selenskyj den Briten – und trägt eine dringende Bitte vor. Dafür erinnert er an die Pilotenkarriere von König Charles und Churchills Befehle im Zweiten Weltkrieg.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.