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Besuch bei einem Studenten : Ein deutscher Untergeher

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Ich sagte, sie solle mit ihm in Verbindung bleiben, jeden Tag, bitte! Der Vater rief auf dem Handy an, jetzt hatte es anscheinend wieder Akku. – Hallo, ich bin Dietmar, oder Didi, sagte er. – Didi?, sagte ich. – Das ist ganz normal, sagte Didi, auch mit anderen ausländischen Untermietern hatten wir früher Probleme, wegen seinem Gehen, manchmal, wenn er über einem mathematischen Problem brütet, wenn er neue Ideen hat und sie entwickelt, muss er gehen, hin und her. – Ja, aber das hier ist nicht mehr normal, sagte ich, Julian hat gar keine Ideen mehr, im Gegenteil, Julian weiß nicht, wie er weiterkommen soll, mit dem Studium, mit der Zukunft, er geht unaufhörlich, sagte ich, den ganzen Abend, die ganze Nacht, den ganzen Vormittag. Plötzlich dachte ich an Thomas Bernhard, seine wahnsinnig werdenden Protagonisten, immer Philosophen oder Philosophierende, die nicht weiterkommen, nicht weiterwissen, alle diese Verstörten, alle diese Besessenen, mit ihren Zetteln, Notizen, alle diese österreichischen, aber im Grunde und zugrunde gehenden durch und durch deutschen Untergeher.

O Gott, dachte ich, Deutschland!

Mittlerweile hatte er das Telefon übernommen und sprach mit seinem Vater, dieser „Didi“ war anscheinend ehemaliger Schullehrer, aber jetzt seit langem in Rente – ich habe ja auch Ulrich, sagte Julian zu seinem alten, uralten, dachte ich (vielleicht war er schon damals, im Krieg, mit dabei?), Vater. – Ulrich? fragte ich, wer ist Ulrich? – Ein Freund, sagte er. Ah, Gott, dachte ich, erleichtert, der Junge hat Freunde, er ist nicht völlig autistisch! – Ein Freund von der Uni! – Nein, sagte er, ein Freund des Hauses, ein Freund meiner Eltern, er schreibt Bücher. Ach, dachte ich, also kein richtiger Freund, nicht sein Freund, ein Freund der Eltern, noch ein deutscher Vater! dachte ich. – Wieso wohnen Sie denn auch immer noch hier, sagte ich, bei Ihren Eltern? – Ja, seufzte er, es war auch ein bisschen schwierig, nach diesem Studienjahr in Holland wieder nach Deutschland und sogar noch bei den Eltern einzuziehen, aber nur dieses Jahr, sagte er, das letzte, nur bis er seine Masterarbeit fertig geschrieben habe!

War es gut in Holland?, fragte ich. Ja, sehr, er mochte die Holländer, wie es dort war, viel gelassener, offener, nicht so strikt, so streng, so arbeitsbeschaffungsmaßnahmerisch wie hier in Deutschland, wo alle nur an das Eine denken können, die tiefe Mathematik, sonst nichts, die hatten kein Interesse an Politik, an Verkehr oder sonst was. Ob er gerne raus, zurück nach Holland wolle? Ja, doch, nein, dies, Deutschland, sei schon sein Zuhause. Ach, dachte ich. Und nun wisse er nicht, wie es überhaupt weitergehen solle. – Und der Hausfreund, Ulrich, über was schreibt er seine Bücher? – Über Verkehrsplanung. – Auch über Verkehrsplanung?!, rief ich. – Ja, sagte er.

Oh, Gott, dachte ich, Deutschland! Als ich die Treppe hinunter zum Hochparterre ging, lief er fast hinter mir, wie ein Hund, ein Besessener, nicht mehr verzweifelt, eifrig, fiepend, wir müssen weiterreden, Frau Nielsen, über alles, Mathematik, Politik, bellte er mir tief nach unten übers Geländer gelehnt hinterher, Sie müssen mir von Ihrem Schreiben, Ihren Romanen erzählen! – Ja, sagte ich, selbstverständlich. Und schlug die Tür hinter mir zu. (Und so halte ich, immer noch, die Deutschen aus.)

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