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Besuch bei einem Studenten : Ein deutscher Untergeher

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Er nahm ein kleines weißes Blatt, wir setzten uns in die Küche an den Esstisch, mittendrauf lag eine blau-weiße Fayencekachel, Geschenk für die Mutter, dachte ich, von dem einzigen Sohn aus dem Ausland heimgebracht, „Oostpoort Delft“ stand mit verschnörkeltem Delft-Blau darauf. Dann fing er an zu reden, wie ein Besessener, aber kein Nihilist, im Gegenteil, ein Gläubiger, ein Gläubiger in einer plötzlichen und lebensbedrohenden – wie Hölderlin damals kurz vor dem Turm, wie Nietzsche angesichts des gepeitschten Pferdes in Turin – Glaubenskrise, ein Verzweifelnder. Er hatte schon seinen Bachelor in Mathematik an der Technischen Universität hier in Berlin abgeschlossen und war die ganzen Jahre von seinem Professor sehr gefördert worden und dann, vom Professor dazu aufgefordert, für ein Jahr zum Studium an die Technische Universität in Holland gegangen. – Und das war ganz anders, sagte er, – die Holländer nehmen alles nicht so genau, auch nicht die Mathematik, sie sind viel lockerer. Und jetzt, da er wieder zurück in Deutschland war und seine Masterarbeit schreiben sollte, kam er irgendwie nicht mehr in die tiefe Mathematik hinein, oder was weiß ich, hinunter.

Hallo, ich bin Dietmar

In Holland hatte er auch angefangen, sich ein bisschen für Politik zu interessieren, ja, für die Welt, er wolle gerne etwas mehr schreiben, nicht nur über Verkehrsplanung, sondern den Schritt weiter in die Zukunft, von Verkehrsplanung zu Verkehrsoptimierung . . . aber jetzt, wo er wieder hier in Deutschland war, war er, alles, etwas durcheinander, plötzlich konnte er sich nicht mehr die Zukunft vorstellen. Wir riefen erneut seine Eltern an, und plötzlich: eine weibliche Stimme. – Kann ich bitte mit ihr sprechen, sagte ich und nahm das Telefon. – Hallo, sagte sie, ich bin Hildegard. Ich sagte, dass Julian nicht alleine sein könne. – Meinen Sie wirklich, wir sollen umkehren und zurückfahren? – Oh, sagte ich, ich will ja nicht, dass Sie Ihren Urlaub abbrechen, und Julian, das hat er mir erzählt, fährt ja am Wochenende zu seiner Schwester nach Göttingen, um sich dort ein bisschen zu erholen, aber bis dahin . . . – Ich glaube, ich muss mit meinem Mann sprechen, sagte sie.

Er redete weiter, unaufhörlich, wie ein Besessener, verzweifelt, verschwitzt, klebriges Haar, brennende Augen, – haben Sie überhaupt was getrunken? sagte ich, – essen Sie, haben Sie überhaupt was? Auf dem Tisch stand eine Glasschale mit allmählich hinsterbenden dunklen Trauben. Auch in dem Studienraum im Keller unter der Uni (ach, schon wieder ein deutscher Bunker! dachte ich) laufe er ruhelos hin und her, sagte er, und wisse nicht, wie er weiterkommen solle, es sei ja nicht nur jetzt, sagte er, überhaupt, wenn es mit dem Denken anfange, dann müsse er gehen. Er sah aufs Telefon, die Schwester hatte angerufen. Wir riefen sie zurück, ihre Stimme war klar, eine junge Frau, dachte ich, zukünftige Ärztin! Ich nahm das Telefon, Julian muss unbedingt zu Ihnen kommen, heute schon oder spätestens am Wochenende, sagte ich, ich kann ihn hier nicht alleine lassen!

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