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Besuch bei einem Studenten : Ein deutscher Untergeher

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Entschuldigung, flüsterte ich, aber ich wohne hier unten, und wir versuchen gerade zu arbeiten, es ist aber unmöglich mit diesem . . . können Sie nicht irgendwo anders, im Park oder im Trainingscenter, Ihre Übungen ausführen? – Ich weiß, sagte er, bin bald fertig. – Gut, sagte ich, sehr gut, und stieg wieder die Treppen hinunter ins Hochparterre und setzte mich an die Arbeit.

Darf ich kurz hinein?

Nach einer halben Stunde fing es wieder an: drei oder vier Schritte, kehrt!, drei oder vier Schritte, kehrt! Ich seufzte, stieg wieder hinauf, klingelte, schlug, jetzt auch mit der flachen Hand, klatschte. Die Tür ging auf, der Junge starrte hinaus. Verstört, dachte ich, der verstörte Student, einer der Verstörten, Besessenen aus Dostojewskijs Romanen, wie heißen sie alle, diese magersüchtigen, blassen, wildäugigen mörderischen Nihilisten, Ippolit, Stawrogin, Iwan Iwanowitsch, Rodion Raskolnikow . . . Hallo, sagte ich leise, darf ich kurz hinein? Ich trat ein, er starrte, wilde Augen, besessen. Sie brauchen Hilfe, sagte ich. – Ja, ich bin ein bisschen durcheinander, murmelte er, ich finde irgendwie nicht in die Arbeit hinein. – Nein, sagte ich, wie heißen Sie? – Julian, sagte er. – Wie alt sind Sie? – 23, sagte er, – 23?! – Ja. Eigentlich müsste ich jetzt meine Masterarbeit schreiben, aber mein Professor hat mich dazu aufgefordert, auch noch diese Stelle als studentische Hilfskraft anzunehmen, und jetzt . . . – Wird es Ihnen zu viel. – Ja, seufzte er.

O Gott, dachte ich, jetzt fängt er an zu weinen. – Ich bin ein bisschen durcheinander, schluchzte er, ich weiß nicht, wie ich weiterkommen soll, in der tiefen Mathematik, plötzlich, seit Holland, habe ich kein Gespür mehr dafür. (Tiefe Mathematik, dachte ich, hört sich schon ein bisschen dunkel, gefährlich an, tiefe Mathematik, Blut und Boden, schwarze Wälder und „Roggenfelder“, ich hörte schon das Lied von dieser ziemlich, ja, recht radikalen urdeutschen Band Darkwood vor meinem inneren Ohr: „Wenn ich steh in fernem Land / Und seh der Felder Wogen und der Wolken Band / Dann sehn ich mich ins Heimatland / Verachte, wer die Heimat nie gekannt!“)

Vor ein paar Jahren habe ich einen Artikel über Verkehrsplanung geschrieben, und immer noch fordern Leute mich in den sozialen Medien auf, mehr darüber zu schreiben, aber es ist schon zwei Jahre her und . . . – Alles zu viel auf einmal? – Ja, zitterte er. – Sind Sie alleine, Ihre Eltern oder Familie sind nicht zu Hause? – Meine Eltern sind gestern in Urlaub gefahren, nach Norwegen, und meine Schwester ist in Göttingen. – Aha, sagte ich, setzen wir uns lieber, und trat schnell tiefer in den Flur.

Allgemeines Durcheinandersein

Die Wohnung war genau wie die meinige, herrschaftlich, deutsch, ein langer Flur, Parkettböden. – Ich denke, wir rufen Ihre Eltern an. – Sie sind gerade im Auto unterwegs! – Kein Problem, sagte ich, heutzutage laufen alle Menschen ja ständig überall mit ihrem Handy in der Hand herum, rufen Sie nur an. Er nahm zögernd sein Handy aus der Tasche, es war ziemlich übel zugerichtet, vom allgemeinen Durcheinandersein vielleicht. Er tastete, wartete, eine automatisierte Frauenstimme fiepte. – Nein, sagte er. – Und es ist die richtige Nummer? – Jaaa, sagte er zögernd, ach, ich hab’ keinen Akku mehr! – Vielleicht könnte ich . . .? – Aber da müsste ich erst mal die Nummer suchen. – Tun Sie das! Er ging vor mir den Flur entlang zu seinem Zimmer, ein Studentenzimmer, unästhetisch, praktisch, sehr deutsch, und nahm ein anderes, das Haustelefon. – Haben Sie auch ein Stück Papier? Er ging nach nebenan, ein helleres, mädchenhafteres Zimmer, rosa, orange, pastell, in der Ecke stand ein Cello. – Das ist das Zimmer meiner Schwester. – Sie spielt Cello! – Ja, früher, jetzt studiert sie, Medizin, in Göttingen. – Sie wohnt hier gar nicht mehr? – Nein. – Aber ihr Zimmer steht immer noch so wie damals, als sie hier noch wohnte? – Ja.

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