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Bernard-Henri Lévy : Er wollte den Krieg, und er bekam ihn

Bernard-Henri Lévy in Zagreb Bild: Picture-Alliance

Er sieht sich selbst als Frankreichs Philosoph: Bernard-Henri Lévy versucht wie ein Besessener, sein Lebenswerk zu retten – und erfindet einen Nazismus in Iran.

          „Als ich ein Kind war, sieben oder acht Jahre alt, hatte ich im Garten meiner Eltern eine Hütte“, und was er darin machte, hat Bernard-Henri Lévy jüngst dem „Figaro“ erzählt: „Ich schrieb Nachrufe auf mich und rezitierte sie.“ Es waren Nachrufe auf Spitzensportler, Abenteurer, große Schriftsteller, Wirtschaftsführer. Lévy wurde aber Philosoph. Seine erste Reise führte nach Bangladesch, er hatte einen Appell von André Malraux im Fernsehen gesehen. Im November wird er siebzig, jetzt hat er ein neues Buch vorgelegt: „L’empire et les cinq rois“ (Grasset) – das Reich und die fünf Könige. Dieser Essay ist der verzweifelte Versuch eines Intellektuellen, sein Lebenswerk zu rechtfertigen – ganz eigentlich: zu retten.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Lévy hat neben Essays auch Romane, Reportagen, Biographien geschrieben und Filme gemacht. Keines seiner Werke, die meistens an irgendeinen aktuellen Umstand gebunden sind, wird ihn überleben. Sie haben in den meisten Fällen einen Bezug zu seinem Engagement und seiner Obsession. Sein Werk ist sein Weg. „Die Barbarei mit menschlichem Antlitz“, die den Dreißigjährigen bekannt machte, beginnt mit dem Satz: „Ich bin das uneheliche Kind eines teuflischen Paars, des Stalinismus und des Faschismus.“

          Wie 99 Prozent der französischen Intellektuellen war Lévy Marxist. Ende der siebziger Jahre gehörte er zur Gruppe der „Neuen Philosophen“, die unter dem Einfluss von Solschenizyn die Abkehr vom Kommunismus vollzogen und sich zum Antitotalitarismus bekehrten. André Glucksmann hatte in verschiedenen Essays die deutsche Ideologie der „Meisterdenker“, die in den Nationalsozialismus führte, analysiert. Lévy weitete den Ansatz auf französische Dichter und Philosophen aus, die Vichy, Pétain und einen durchaus autonomen „französischen Faschismus“ vorbereiteten: „L’Idéologie française“. Diesem Buch wurden viele Irrtümer und Schwächen nachgewiesen, aber es erwies sich als richtungsweisend. Wie der israelische Historiker Zeev Sternhell und der Amerikaner Robert Paxton brachte Lévy die verdrängte französische Vergangenheit und Verantwortung in die Gegenwart.

          Den realen Genozid ignoriert

          Der Antitotalitarismus und die Menschenrechte ersetzten den Marxismus, auch die Linke huldigte der neuen Ideologie. Dreißig Jahre lang bestimmte der Imperativ der Vergangenheitsbewältigung die französische Politik: wehret den Anfängen und nie wieder! Fortan ging es darum, die neuen Tyrannen schon prophylaktisch zu bekriegen, um Genozide zu vermeiden. Im ersten Golfkrieg wurde, auch von Enzensberger, Saddam Hussein mit Hitler gleichgesetzt,auch; er hatte die Kurden mit Gas bekämpft. Auch die Bomben gegen seinen nächsten Wiedergänger, Milošević, fielen im Namen der Vergangenheitsbewältigung: zur Verhinderung ethnischer Säuberungen in Bosnien. Gleichzeitig allerdings ignorierten die antitotalitären Intellektuellen den realen Genozid in Ruanda, bei dem die Mitverantwortung ihres eigenen Landes unbestritten ist. Der Schriftsteller Jean Hatzfeld glaubt, dass die jüdischen Intellektuellen einen Genozid, der mit der Schoa vergleichbar wäre, schlicht nicht anerkennen wollten.

          Nach dem 11. September 2001 wurde das Schema der Gleichstellung mit Hitler und den Nazis abermals auf Saddam übertragen. Mit dem „Islamfaschismus“ hatte man auch wieder eine totalitäre Ideologie: Die Intellektuellen forderten Krieg. Den arabischen Völkern allerdings verweigerten sie weitgehend die Solidarität, als diese sich in Ägypten und Tunesien gegen ihre Tyrannen auflehnten. Zu den Maghreb-Staaten unterhalten die Franzosen beste Beziehungen. Ob Gaddafi vor dem Krieg gegen Libyen tatsächlich Sarkozys Wahlkampagne finanziert hatte und das ein Motiv für die Beseitigung des libyschen Diktators hätte sein können, untersucht die französische Justiz. Lévy jedenfalls wollte diesen Krieg, und er bekam ihn. Es war der Höhepunkt in der Karriere des engagierten Intellektuellen – diesen Erfolg hatte er sich wohl auch in seinen eigenen Nachrufen nicht vorgestellt. Die Franzosen flogen den ersten Angriff, Lévy drehte einen Film. Die Folgen sind bekannt. Schon nach dem desaströsen Krieg gegen den Irak hatten sich antitotalitäre Intellektuelle wie Pascal Bruckner und André Glucksmann zu ihrem Irrtum bekannt. Gegen den Angriff auf Libyen protestierte Claude Lanzmann – es kam zum Streit. Lévy war bemüht, Sarkozys Nachfolger auch noch zum Krieg gegen Assad in Syrien zu animieren und François Hollande alles andere als abgeneigt. Doch diesmal zogen die Alliierten nicht mit. Die Attentate in Paris begründete Lévy umgehend mit dem Nichteingreifen in Syrien. Intellektuelle Gegenspieler wie Michel Onfray und Houellebecq, die den Terrorismus eher als Folge der geführten Kriege einstuften, wurden als Defätisten, ja Kollaborateure gebrandmarkt.

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