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Ben Lerners Roman „22:04“ : Hat es dieses Brooklyn je gegeben?

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Die Brooklyn-Bridge bei Nacht. Bild: dapd

Er ist seinem Protagonisten ziemlich ähnlich und gibt es zu: Ben Lerner spricht in New York über seinen Schriftsteller-Roman „22:04“ und das Leben als Zusammenprall konkurrierender Fiktionen.

          Die Nachtluft und die Lichter der Brooklyn Bridge, die sich im Wasser des East River spiegeln. Ein Obdachloser, der im Brooklyn Bridge Park Dosen sammelt; ein paar Jogger, die in der Dunkelheit ihre Runden drehen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses die Skyline von Manhattan, die Lichtpunkte der unzähligen Fenster, die Lichter der Autos auf dem FDR Drive, das Blinklicht eines Helikopters, der auf dem Wall Street Heliport landet, die „sehr präsente Abwesenheit der Twin Towers“ – gegen Ende der ersten Hälfte von „22:04“, dem zweiten Roman des amerikanischen Schriftstellers Ben Lerner, der gerade auf Deutsch bei Rowohlt erschienen ist, sitzt der Erzähler mit ein paar Tüten getrockneter Mangos auf einer Parkbank und ist gebannt vom Anblick seiner Stadt.

          Ein Mann wie Whitmans „Dichter der Zukunft“

          Er hat gerade die Spätschicht in der Nahrungsmittel-Genossenschaft beendet, in der er einmal im Monat aus moralischen Bedenken gegen das kapitalistische Netzwerk herkömmlicher Supermärkte Oliven wiegt oder Käse schneidet. Er leidet am Marfan-Syndrom und verdrängt die Angst vor dem Zerreißen seiner Aortenwand und dem Platzen seiner Hauptschlagader. Er verdrängt die Angst vor der Auswertung der Samenprobe, die er ein paar Tage zuvor im „Masturbatorium“ einer Klinik abgegeben hat, weil die Mutter seiner besten Freundin dem Tod entgegensieht und diese ihr schnell noch ein Enkelkind schenken will, verdrängt die Angst vor apokalyptischen Stürmen. Er sitzt auf der Parkbank und atmet die Nachtluft ein, das zerfließende Licht der Skyline Manhattans verströmt den „Sirupduft vorzeitig blühender Pappeln“, und er verspürt den leichten Schauer, den der Zauber des Stadtpanoramas in ihm hervorruft.

          Lerners Erzähler ist Lyriker, einer der von Walt Whitman besungenen „Dichter der Zukunft“, „eingeboren, athletisch, kontinental“: Im Delirium seiner poetischen Wahrnehmung, deren halluzinative Kraft Lerners Roman immer wieder dem Erhabenen entgegentreibt, erlebt er eine Epiphanie, die nie die Natur, sondern nur der Anblick der Großstadt in ihm auslöst, die sich zu einer monumentalen Skulptur verdichtet – zur phosphoreszierenden Metapher einer in verschiedenen Zeitzonen existierenden vergangenen und künftigen Welt, in der sich die Fiktion der Realität unablässig neu ordnet. „Man hätte mich um jene Mitternacht dort auf der Bank sitzen sehen können“, so Lerners 33 Jahre alter Erzähler, „wie ich eine unverantwortliche Menge ungeschwefelter Mangos aß und, während ich mich in die Zukunft projizierte, einen leichten Fall von Tränenfluss erlebte.“ Die Insemination seiner Freundin will er mit dem sechsstelligen Vorschuss finanzieren, den ihm seine Literaturagentin für seinen zweiten Roman versprochen hat.

          Fiktion als Organisationsprinzip des Lebens

          „Was die Fiktion der Realität betrifft, so halte ich es mit Wallace Stevens, der in der Fiktion keine in erster Linie literarische Instanz sah, sondern etwas, mit dem jeder von uns sein Leben organisiert und ihm Sinn verleiht“, sagt Ben Lerner. „Dieser Sinn ist nicht per se gegeben. Er ist eine Konstruktion. Jede Erzählung, mit der man sich selbst in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft positioniert, ist eine Fiktion.“ In Prospect Heights, einer der angesagtesten Gegenden Brooklyns, sitzt der Autor morgens um halb neun in einer Milchbar und trinkt Eiskaffee. Billige Kunststoffstühle, ein Holztisch mit der Patina einer alten Schneeschaufel. Aus dem Brownstone der Wand neben uns ragt ein freigelegtes gusseisernes Abflussrohr.

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