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Begegnung mit Robin Robertson : An den Rändern der Wahrnehmung

  • -Aktualisiert am

Palmen vor Gewitterwolken in Los Angeles Bild: Reuters

Als Lektor war Robin Robertson immer auf der Suche nach den Büchern, die er selbst schreiben wollte. Manchmal hat er es einfach getan – als Lyriker. Über ein Leben für die wahren Geschichten.

          8 Min.

          Als er nach langer Zugfahrt in Los Angeles eintrifft, sieht Walker die Orangen- und Avocadobäume im warmen Sonnenlicht, das verheißungsvolle Land seiner neuen Zukunft. Ein paar Straßen weiter dann die Bettler und Nutten, GIs und Docker, das kaleidoskopische Treiben einer verschwimmenden Menschenmenge, die sich in der Stadt der Engel durchs Delirium unerfüllter Träume schiebt. Die erste Nacht verbringt Walker im Kino.

          Walker ist der Protagonist von Robin Robertsons romanlangem Erzählgedicht „Wie man langsamer verliert“, das jetzt bei Hanser auf Deutsch erscheint, übersetzt von Ann-Kristin Mittag. Den Veteran der North Nova Scotia Highlanders hat es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zuerst nach New York verschlagen und dann nach Los Angeles, in eine Stadt, die der von Erinnerungen an seine Kindheit in der kanadischen Provinz und dem Trauma des Krieges verfolgte Walker bis zur Ankunft im Frühjahr 1948 nur aus Filmen kannte. Hier sucht er nach Erlösung und Verwandlung, nach Freiheit und nach Heilung. Er sucht nach den Zeichen einer gütigen Welt. Mit einem Kojoten, den er auf einem seiner nächtlichen Spaziergänge durch das alte L. A. sieht, „die verlorene Stadt, die vergammelte Stadt, die verrufene Stadt“, wie es bei Chandler über das Wohnviertel Bunker Hill heißt, in dem Walker inzwischen ein billiges Zimmer gefunden hat, zeichnet Robertson ein bedrohlich anmutendes Bild, das nicht allein dem Dunkel der Nacht zu entspringen scheint. Der Kojote ist langgliedrig und gewandt, in seinen Augen spiegelt sich das Neonlicht.

          Als auratisches Ereignis, das ebenso unerwartet auftritt, wie es plötzlich wieder verschwindet, ist das Raubtier das Emblem einer Poetik, die nicht nur Robertsons Lyrik zugrunde liegt, sondern auch seiner langjährigen Arbeit als Lektor und Verleger des seit 2019 zu Vintage Books gehörenden Imprints Jonathan Cape. „Ich suche nach Intensität“, sagt der 1955 im Nordosten Schottlands geborene Robertson. „Ich will überrascht werden. Ich will die Wörter nie zuvor in dieser Form gelesen haben. Ich suche nach etwas Fremdartigem, einer Art elektrischer Spannung, sowohl in meinen eigenen Sachen als auch in den von anderen.“

          Prägender Lektor in Großbritannien

          Im Sommer 2014 saß er in seinem Londoner Büro und erzählte von seiner Arbeit. An den Wänden Regale mit Büchern von John Burnside, A. L. Kennedy, Anne Enright und anderen Schriftstellern, die Robertson bei Cape veröffentlicht hat – meist aus den ehemaligen Peripherien der lange um London und das südenglische Metroland kreisenden Literaturlandschaft entstammend. Seit dem Erfolg von „Trainspotting“, Irvine Welshs ikonischem, von Robertson 1993 noch bei Secker & Warburg verlegtem Roman, zählt er zu den prägenden Lektoren des britischen Verlagswesens und gilt als Wegbereiter einer literarischen „Scottish Renaissance“, der schließlich auch sein eigenes lyrisches Werk zuzurechnen ist.

          Robertson begann nach seinem Studium in Aberdeen und an der University of Windsor im kanadischen Ontario 1978 im Lektorat von Penguin Books zu arbeiten und veröffentlichte bald erste Gedichte in Zeitschriften. Aber erst 1997, im Alter von 41 Jahren, erschien sein Debütbuch „A Painted Field“. Seitdem folgten weitere Gedichtbände und 2013 auf Deutsch „Am Robbenkap“, eine Auswahl, die Jan Wagner bei Hanser besorgte.

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