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Begegnung mit Jon Fosse : Sein Spiegelbild

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Wenn er schreibt, hat er immer auch sich selbst im Auge: Jon Fosse. Bild: David Levene/eyevine/Laif

Er war Knausgards Lehrer und ist Norwegens größter literarischer Avantgardist: Eine Begegnung mit Jon Fosse in Oslo anlässlich der deutschen Übersetzung von „Ich ist ein anderer“. Ein Gastbeitrag.

          8 Min.

          In „Träumen“, dem fünften Band des autobiographischen Romanprojekts „Min Kamp“, zeichnet Karl Ove Knausgard ein skizzenhaftes Porträt seines Lehrers Jon Fosse. Knausgard war im Sommer 1988 ins westnorwegische Bergen gezogen, um an der dortigen Akademie für Schreibkunst zu studieren. Fosse, der dort seit 1987 unterrichtete, war damals 28 Jahre alt. Er hatte bereits die Romane „Raudt, svart“ und „Stengd gitar“ sowie einen ersten Gedichtband veröffentlicht. Fosses Art zu sprechen war „zögernd, voller Pausen, Einschnitte, Räuspern, Schnauben und mitunter von einem plötzlichen, tiefen Atemholen unterbrochen“, so Knausgard. Er strahlte Nervosität und Unruhe aus, aber was Fosse sagte, war von großer Selbst­sicherheit erfüllt. Als er seine Studenten im Laufe der Zeit besser kennenlernte, erzählte er ihnen von seiner Kindheit in Strandebarm, einer kleinen Gemeinde am Ufer des Hardanger­fjords, und sagte, so Knausgard, „in einer bestimmten Phase hätte er unter Umständen zu einem Straßenjungen werden können“.

          Der im September 1959 als Sohn eines Obstbauern geborene Fosse ist in der Tat erfüllt von den Erinnerungen an seine Kindheit, den Stimmungen der Landschaft, dem Klang des westnorwegischen Dialekts. In „Der andere Name“, „Ich ist ein anderer“ und „Ein neuer Name“, den drei Bänden seines seit 2015 entstandenen, in der Originalausgabe mehr als 1200 Seiten langen Romans „Hepta­logie“, erkundet er auf eindringliche und zutiefst persön­liche Weise die Möglichkeiten eines anderen Lebens.

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          „Ich schreibe immer aus der Landschaft, in der ich aufgewachsen bin“, sagt Jon Fosse. „Ich kann dieser Landschaft nicht entkommen und vermisse sie, wenn ich hier in Oslo bin oder in unserer Wohnung in Hainburg an der Donau, wo ich ‚Heptalogie‘ geschrieben habe. Ich vermisse das Meer und die Berge, das Wetter, den Regen.“ An einem sonnigen Nachmittag im Januar sitzt Fosse im Kaffistova, dem Restaurant eines im Herzen von Oslo ge­legenen Hotels, und erzählt von der Arbeit an seinem Roman, dessen zweiter Band dieser Tage in deutscher Über­setzung erscheint. Er trägt eine dunkle Hose, einen engen schwarzen Pullover, ein schwarzes Jackett. Er hat einen ­grauen, am Hals leicht flusigen Bart, ein blasses rundes Gesicht; seine langen grauen Haare sind zum Pferdeschwanz gebunden. Fosse sieht aus wie Asle, der verwitwete Maler, der in „Heptalogie“ seinem Doppelgänger begegnet, einem anderen Mann namens Asle, der ebenfalls Maler ist. Aus Furcht, zu spät zu kommen, war Fosse fast eine halbe Stunde zu früh zum verabredeten Termin erschienen und hatte sich ganz hinten im Lokal an einen Tisch beim Fenster gesetzt, den Rücken zur Wand. Vor ihm steht eine Tasse Kaffee.

          „Ich war ein sehr empfindsames Kind“

          Er sagt: „Wir lebten mit Blick auf den Fjord, auch der Schulweg führte direkt am Wasser entlang. Auf meine ganz eigene Weise war ich ein sehr em­pfindsames Kind, sodass mich der un­ablässige Rhythmus der Wellen bereits geprägt hatte, als ich im Alter von zwölf Jahren mit dem Schreiben begann.“ Er erzählt, wie er sich 2015 auf Einladung der Nachkommen Paul Claudels im ­Château de Brangues aufhielt, dem ­östlich von Lyon gelegenen Schloss des 1955 verstorbenen französischen Schriftstellers, wo Fosse sich an einem ­heißen Sommertag an ­seinen Laptop setzte und die ersten ­Seiten von „Der andere Name“ schrieb, auf denen Asle in einem gerade vollendeten Gemälde „eine Art leuchtende Dunkelheit“ er­kennt, „ein unsichtbares Licht“. Er erzählt von dem bereits kurz vor seinem fünfzigsten Geburtstag gefassten Entschluss, nach den beinahe zwei Jahrzehnten, in denen er vor allem fürs Theater geschrieben hatte und für ­Stücke wie „Da kommt noch wer“, „Der Name“ oder „Die Nacht singt ihre ­Lieder“ als „Beckett des 21. Jahrhunderts“ gefeiert wurde, zu seinen Ursprüngen als Prosaautor zurückzukehren.

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