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Begegnung mit Maxim Ossipow : Der Patient stirbt gern früher für die Geopolitik

Kämpft gegen Entropie und Leere: Maxim Ossipow Bild: privat

Bodenkontakt mit allem Menschlichen: Der russische Arzt und Schriftsteller Maxim Ossipow spricht in Frankfurt über sein neues Buch „Kilometer 101“ und Helden unserer Zeit in Russland und Belarus.

          6 Min.

          Ein Einreisevisum gewährt Deutschland Russen, die hier nicht beruflich tätig sind, pandemiebedingt derzeit nur in Ausnahmefällen: etwa wenn ein naher Angehöriger des Antragstellers stirbt oder geboren wird. Bei dem russischen Schriftsteller und Arzt Maxim Ossipow, Jahrgang 1963, war Letzteres der Fall. Seine in Frankfurt lebende Tochter, die Geigerin Maryana Osipova, brachte unlängst einen Sohn zur Welt. Statt den Flieger zu nehmen, legte ihr Vater die fast zweieinhalbtausend Kilometer über erst russische, dann belorussische und polnische Straßen an zwei Tagen mit dem Wagen zurück. Angesichts des Geburtsvorgangs habe er „auch eine Heldentat vollbringen wollen“, scherzt Ossipow, den wir in der Wohnung der Musikerin treffen. Der Marathon hinterm Steuer hat für den mit Sputnik V geimpften Mediziner den erfreulichen Nebeneffekt, dass eine Quarantänepflicht entfällt.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ossipows zweite Sammlung von durch Birgit Veit vorzüglich übersetzten Erzählungen, die unter dem Titel „Kilometer 101“ soeben im Hollitzer Verlag erschien, enthält eine Grenzüberschreitungsgeschichte, die spiegelverkehrt zu seiner jetzigen Situation konstruiert ist. Der Text „Figuren auf der Ebene“ begleitet einen jungen Russen, der nach Amerika emigriert ist, auf der Reise nach Moskau, wo gerade sein Vater gestorben ist. Der Held ist Schachspieler, der diesem Vater, der unter Stalin Studenten denunzierte, entkommen wollte und unter einem neuen Namen seine persönliche Geschichtslast abwarf. Doch im Flugzeug hoch über den Wolken kommt ihm im alkoholisierten Zustand die Einsicht, dass aus dem Schachspiel der Welt, wo Staaten einander austricksen und jede Einzelfigur innerhalb strenger Regeln ihren Zug machen muss, kein Entkommen ist.

          Die Repressionen nehmen stündlich zu

          Das Gefühl, eine Spielfigur mit extrem begrenztem Aktionsspielraum zu sein, bedrängte Ossipow, der die meiste Zeit in der moskaunahen Kleinstadt Tarussa lebt, besonders während der Bürgerproteste gegen die Verhaftung und Aburteilung des Oppositionspolitikers Alexej Nawalnyj im vergangenen Winter. Es war schlimm, sagt Ossipow, man habe aus moralischen Gründen auf die Straße gehen müssen, was zugleich hieß, sich in große Gefahr zu begeben. Die Repressionen in seinem Land nähmen stündlich zu. Wie in Belarus seien auch in Russland derzeit Herrscher an der Macht, die ganz in der Vergangenheit lebten, nichts für die Zukunft ihrer Länder täten, dabei aber ewig regieren wollten.

          Nawalnyj, der in der Strafkolonie offenbar erkrankt ist und perfide gequält wird, imponiert Ossipow als napoleonische Gestalt von ungeheurem Mut und Gespür für das Schicksal. Der Autor hofft, dass er die Haft übersteht. Die belarussische Oppositionsführerin Maria Kolesnikowa, die ihre Abschiebung in den freien Westen verhinderte, indem sie ihren Pass zerriss, und die derzeit in einem Minsker Gefängnis einsitzt, begeistert ihn durch ihre heroische Größe. Kurz nach ihrer Verhaftung schrieb er Kolesnikowa einen Brief ins Untersuchungsgefängnis, worin er bekundete, wie sehr er und seine Angehörigen und Freunde die friedliche Widerstandsbewegung in Belarus und insbesondere sie persönlich bewunderten. Dass er wie sie, vor allem durch seine Tochter, mit der Musik und mit Deutschland verbunden sei, dass er aber zu ihr gleichsam von unten emporschaue. Zur Illustration zitiert er eine Passage aus der Reiseerzählung „Sventa“ über den Versuch, einen litauischen Urlaubsort, wo er als Kind oft war, wieder zu besuchen, aber jetzt, ohne sich als Besatzer fühlen zu müssen, die auch in dem neuen Sammelband enthalten ist. Darin formuliert der Autor Lebensmaximen, die, wie er anmerkt, heute die gleichen seien wie zu Sowjetzeiten: Erstens sich nicht die Finger schmutzig machen, nicht moralisch auf den Hund kommen, zweitens nicht eingesperrt werden und drittens nicht den Moment verpassen, da es Zeit sein wird, für immer auszureisen. In ihrer Lage hätte er kaum die Entschlossenheit aufgebracht, seinen Pass zu zerreißen, schrieb Ossipow an Kolesnikowa. Umso wichtiger seien die Ereignisse in Belarus auch für Russland und Europa.

          Als Christ geht Ossipow aber auch die Niederlage der Armenier im Konflikt um Nagornyj Karabach im vergangenen Herbst nahe. Zweimal war er selbst in der von niemandem, nicht einmal Armenien anerkannten besetzten Enklave zu Besuch, berichtet Ossipow. Eine junge Kardiologin aus Nagornyj Karabach machte in der Klinik von Tarussa bei ihm eine Fortbildung, und wie viele Karabach-Bewohner hoffte sie, am Aufbau eines besseren, nicht korrupten Armenien mitwirken zu können. Jetzt sei die Hauptstadt Stepanakert von Armenien abgeschnitten, Russland hat einen neuen Truppenstützpunkt, aber auch die Türkei hat einen Fuß im Kaukasus. Das restliche Nagornyj Karabach sei ein totes Gebiet, so Ossipow, und die junge Kardiologin wolle sich nicht in Armenien, sondern in Deutschland eine neue Existenz aufbauen. Den jüdischstämmigen Ossipow erzürnt insbesondere die Haltung Israels, das den türkischen Genozid an den Armeniern nicht anerkennt und in diesem Konflikt Aserbaidschan mit modernen Kampfdrohnen belieferte.

          Erzählen mit dem Blick des Heilkundigen

          Deutschland sei von allen Ländern, die er kenne, das mit der gesündesten Gesellschaft, bekennt Ossipow, den das verbreitete Ethos, Deutsche im Vergleich mit anderen Nationen kritisch zu sehen, allerdings auch amüsiert. So habe die Erzählung mit dem Titel „An der Spree“ aus dem vorigen Band im Verlag Anstoß erregt, weil darin die Tochter eines russischen Agenten, eine erfolgreiche, so selbstbewusste wie selbstgerechte junge Frau, in Berlin eine mutmaßliche Halbschwester aufsucht, die in ihrer traumatisierten Bescheidenheit sympathisch wirkt. Das Negativbild einer Russin mit dem positiven einer Deutschen zu kombinieren, das erschien den Verlagspartnern unpassend, so Ossipow, der die Geschichte unverändert beließ.

          Aus Ossipows Texten, die reales Material rekombinieren, spricht der Blick des Heilkundigen. Die Titelgeschichte „Kilometer 101“, benannt nach der sowjetischen Bestimmung, wonach GULag-Heimkehrer sich nicht näher als 101 Kilometer von einer Metropole entfernt ansiedeln durften, versetzt in den Krankenhausalltag der Stadt N., in der man Tarussa erkennt. Hier ließen sich seit sowjetischen Zeiten Künstler und Intellektuelle nieder, eine Bürgergesellschaft entstand, hier kann der Arzt mehr tun als im Moloch Moskau, dafür wird das parasitäre Wesen der Staatsmacht umso sichtbarer. Etwa wenn der Klinikarzt von einer westlichen Firma eine Rechnung für den von Förderern bezahlten CT-Apparat zu dessen echtem, nicht um Schmiergeld verdoppeltem Preis erbittet und sich herausstellt, dass das, auch um die Obrigkeit nicht in ein schlechtes Licht zu setzen, prinzipiell unmöglich ist. Oder wenn die Regionalverwaltung eine Doktorstatue vor der Klinik aufpflanzen lässt, statt für Medikamente, Katheter, Verbände zu sorgen, und Krankenpflegerinnen einfach einspart.

          Frühe Sputnik-Impfung im Selbstversuch

          Russlands Pandemie-Politik, die nach einem Kurz-Lockdown im vergangenen Jahr den Sieg über das Virus erklärte, praktisch keine Hilfsprogramme auflegte, dafür aber Wirtschaft und Kulturleben schnell wieder hochgefahren hat, wurde bezahlt mit hohen Infektions- und Todeszahlen. An Corona starben zahlreiche russische Prominente, zuletzt der Sänger Jewgeni Nesterenko, zuvor die Grande Dame der Museumswelt Irina Antonowa, die Schauspieler Roman Viktjuk und Wassili Lanowoi, aber auch prozentual viele Mediziner. Ossipows Klinik in Tarussa verlor die Hebamme. Unterdessen dienen zwar Corona-Regeln als Vorwand zur Verfolgung von Nawalnyj-Anhängern wie derzeit im „Hygieneprozess“, doch zugleich wurde jüngst der 7. Jahrestag der Annexion der Krim mit einem Massenfest im Moskauer Luschniki-Stadium ohne Maskenpflicht begangen.

          Ossipow riskierte schon vorigen Herbst eine Impfung mit dem noch nicht durchgetesteten Sputnik V, gewissermaßen im Selbstversuch, vertrug es aber gut und entwickelte bald Antikörper. Viele seiner Patienten seien Impfskeptiker, verrät der Arzt, vor allem die putintreuen Konformisten, die offenbar an nichts mehr glaubten. Die Regimegegner hingegen hätten sich immunisiert.

          Die Obrigkeit weiß Verbesserungen zu verhindern

          Ossipows Geschichten schildern den Kampf gegen Entropie und Leere, den er auch als Mediziner führt. Die wenigsten seiner Patienten seien von ihrer Arbeit, ihrem Tun begeistert, die wenigsten hätten Freunde, beobachtet sein Erzähler, was logistisch wie moralisch jeden Heilprozess erschwert. Dafür fördert es die Ausbreitung des Bösen, wie er an dem Beispiel einer jungen Mutter zeigt, die von ihrem trunksüchtigen Mann nicht loskommt, Selbstmordversuche macht, ebenfalls trinkt, als Opfer aber leicht auch selbst Böses tun kann, wie der Mediziner weiß. Die Obrigkeit, die darüber wacht, dass Ältere möglichst nicht therapiert werden, tut das Ihre, um Verbesserungen zu verhindern. Und der Ingenieur, der sich das Blutverdünnungsmittel infolge der Wirtschaftssanktionen seit der Krim-Annexion nicht mehr leisten kann, ist sogar bereit, für die Geopolitik früher zu sterben.

          Wie sehr der Bodenkontakt zum elementar Menschlichen den Autor zugleich inspiriert, veranschaulicht die Novelle „Die Zigeunerin“ über die ärztliche Begleitung einer alten Dörflerin nach Amerika. Der Erzähler liefert die hilflose Alte bei ihrem Sohn ab, der sie sogleich anderswo unterbringt, parliert mit einem schicken Steward, der dann über den „Geruch der Russen“ klagt, hilft in Moskau einer Amerikanerin, ihr Geld durch den Zoll zu bringen, fährt seinen Wagen gegen eine Mauer, muss zur Reparatur, die mehr kostet als sein Reisehonorar – und findet sich in einer schmutzigen Autowerkstatt wieder, erschöpft, aber dankbar wie Hans im Glück.

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