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Russischer Arzt und Autor : Nach Rückschlägen passt man besser in die Landschaft

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Abseits von Moskau, wo ein Einzelner noch etwas verändern kann: Arzt und Schriftsteller Maxim Osipov Bild: Elena Gandlewskaja

Der Schriftsteller und Arzt Maxim Ossipow konnte seine Kleinstadtklinik gegen bürokratische Übernahmeversuche verteidigen. Die Poetik der Medizin prägt auch seine literarischen Diagnosen über Putins Russland.

          7 Min.

          Sein erstaunliches kulturelles Kapital konnte das Städtchen Tarussa nur akkumulieren, weil es nah genug und zugleich ausreichend weit entfernt von Moskau liegt. Unerweckt von den Haupthandelswegen und Eisenbahntrassen, wurde das idyllische Tarussa im späten neunzehnten Jahrhundert zum „russischen Barbizon“, in dem sich die Impressionisten Wassili Polenow, Nikolai Krymow und der Symbolist Viktor Borissow-Mussatow niederließen, um die liebliche Landschaft am Hochufer des Oka-Flusses zu studieren.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Zu Sowjetzeiten zogen hierher viele aus politischen Gründen Verurteilte, die nicht näher als 101 Kilometer von den Metropolen leben durften – die Entfernung zwischen Tarussa und der Hauptstadt liegt knapp darüber. So wurde die Stadt ein geistiges Adelsnest. Hier hatte der Pianist Swjatoslaw Richter seine Datscha, der Schriftsteller Konstantin Paustowski, der Künstler Eduard Steinberg, so unterschiedliche Dissidenten wie Alexander Solschenizyn und Joseph Brodsky wohnten zeitweise an diesem Ort, den die Dichterinnen Marina Zwetajewa und Bella Achmadulina liebten.

          Hier kann der Einzelne etwas bewirken

          Der Moskauer Schriftsteller und Arzt Maxim Ossipow verbrachte hier frühe Kindheitsmonate im Haus seines Urgroßvaters Michail Melentjew, ebenfalls eines Mediziners, der infolge von Stalins erstem Ärzteprozess in den dreißiger Jahren ins Arbeitslager am Weißmeerkanal gesteckt wurde und sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Tarussa ansiedelte. In dem Achttausendseelennest, das intellektuelle, aber auch finanzielle Ressourcen aus der Hauptstadt anzieht und wo der Einzelne etwas bewirken kann, aber zugleich zu den Abgründen des Lebens ein intimes Verhältnis gewinnt, fand Ossipow sowohl seine Aufgabe als Arzt wie auch Inspiration für seine einen lakonischen Dokumentarton kultivierende Prosa. Der österreichische Hollitzer-Verlag bringt von Ossipows mittlerweile in zwölf Sprachen übersetzten Erzählungen im März unter dem Titel „Nach der Ewigkeit“ endlich eine Auswahl auf Deutsch heraus.

          Ossipow betont seine jüdischen Wurzeln und versteht sich zugleich als russisch-orthodoxer Christ. Sein spiritueller Lehrer war der Erzpriester Ilja Schmain (1930 bis 2005), ein in Moskau ausgebildeter Mathematiker, der fünf Jahre im GULag einsaß und nach Jahren der Emigration in Israel und Paris in den neunziger Jahren nach Russland zurückkehrte. Mit seinen Erinnerungen an Vater Ilja trat Ossipow vor zehn Jahren zum ersten Mal als Schriftsteller an die Öffentlichkeit. Ilja Schmains Lehren stehen quer zur Ideologie der Patriarchatskirche, aber auch zu einigen westlichen Werten. Der Geistliche war überzeugt, die Ideen von Auserwähltheit, aber auch von Privatheit und Bürgertum würden früher oder später in den Faschismus führen.

          Bejahendes Verhalten zur Sexualität

          Zur Sexualität hatte der verheiratete Priester ein bejahendes Verhältnis. Gott und das Weib seien das Leben, der Wodka aber der Tod, lautete sein mit der russischen Trinkkultur polemisierender Wahlspruch, den Ossipow auch einem fiktiven Seelenhirten in dem Sammelband in den Mund legt. Der glühend Gläubige hatte beobachtet, dass die besten, großzügigsten, gehaltvollsten Menschen oft Atheisten seien. Und er hatte im Straflager erlebt, wie während des Disziplinverlusts nach Stalins Tod eine kleine, gut organisierte Gruppe Schwerstkrimineller eine große Häftlingsbelegschaft blutig terrorisierte. Im postsowjetischen Russland erschien ihm das auch wie ein Modell für die Ereignisse in Tschetschenien.

          Für Ossipow bildet die Medizin eine Grundlage für sein literarisches Schaffen, zu dem er freilich über einen längeren Umweg kam. Noch während seines Medizinstudiums in Moskau wurde er Facharzt für Herzkrankheiten und arbeitete während der Perestroika im Allunionszentrum für Kardiologie. Die Gehälter seien mager gewesen, erinnert sich Ossipow, dafür sei es unbürokratisch zugegangen. Doch dank Kooperationen mit amerikanischen Kliniken, die für die Überweisung sowjetischer Patienten zahlten, habe er dennoch nicht schlecht verdient. Auf Bitten der russischen Kollegen schickten die Amerikaner ihre benutzten Angiographie-Katheter, die sie eigentlich hätten wegwerfen sollen, nach Moskau, wo die Mangelware sterilisiert und wiederverwendet wurde.

          „Klinische Echokardiographie“

          Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verbrachte Ossipow ein Jahr als Stipendiat an der Universität von Kalifornien in San Francisco, wo er gemeinsam mit dem dortigen Herzspezialisten Nelson Schiller das Buch „Klinische Echokardiographie“ verfasste, das bis heute zu den Standardwerken der russischen medizinischen Literatur gehört. Wieder in Moskau gründete er den Medizinverlag „Praktika“, der internationale Fachliteratur auf Russisch herausbrachte, aber auch musikwissenschaftliche und theologische Werke publizierte. In jenen Jahren fasste er auch wieder Fuß in Tarussa, wo die Sowjetadministration das Haus seines Vorfahren in den siebziger Jahren hatte abreißen lassen. Doch Melentjews Kamin und der Flügel, auf dem einst der legendäre Pianist Konstantin Igumnow gespielt hatte, waren von befreundeten Nachbarn aufbewahrt worden und zieren heute Ossipows schlichtes Holzhaus an der Apfelbaumstraße.

          Das System von Präsident Wladimir Putin, der im März wiedergewählt werden dürfte, ist in Ossipows Augen ein Symptom für Russlands Niedergang oder, medizinisch gesprochen, seine Involution. Dabei habe er im Frühjahr 2000 selbst für ihn gestimmt, bekennt der Autor. Denn kurz zuvor waren seine Schwester, ihr Mann und ihr Sohn ermordet worden, und er habe sich einen Polizeistaat gewünscht, den Putin zu symbolisieren schien, sagt Ossipow. Er habe aber bald gemerkt, dass Putins Siegesparolen völlig hohl seien, und seinen Fehler oft bedauert. Putin stehe für die Macht der Geheimdienste, die ohnehin überall auf der Welt zu viel Einfluss hätten, in Russland wohl am meisten. Entscheidend sei, so der Arzt, dass, während vor hundert Jahren im Russischen Reich noch rund ein Zehntel der Weltbevölkerung lebte, die Einwohnerzahl des heutigen Russlands nur noch etwa zwei Prozent der Menschheit ausmache. Das Gerede russischer Politiker von der nationalen Größe erinnere ihn an eine Familie, in der jemand gestorben sei und die deswegen das Recht beanspruche, ihre Nachbarn zu verprügeln.

          Gleichgesinnte in Tarussa

          Vielleicht kehrte Ossipow deswegen im neuen Jahrtausend in die Arztpraxis zurück, und zwar in Tarussa, wo er gleichgesinnte Mitstreiter fand. Bis heute behandelt er Patienten der lokalen Klinik, für die er die Wohltätigkeitstiftung „Hilfefonds für das Krankenhaus von Tarussa“ gründete, die vor allem von Moskauer Firmen und Privatleuten getragen wird. Diese Stiftung finanzierte die Weiterbildung von Ärzten und den Ankauf modernen medizinischen Geräts, so dass vor zehn Jahren in der Kleinstadtklinik ein Herzzentrum eröffnet werden konnte. Es war ein leuchtendes Beispiel für erfolgreiches zivilgesellschaftliches Engagement in Russland. Ossipow und seine Kollegen waren stolz, dass die Sterblichkeit in ihrer Region und zumal Todesfälle infolge von Herzkrankheiten um ein Vielfaches zurückgingen.

          Doch da rebellierte die Administration von Tarussa, angeführt vom Bürgermeister. Der entließ die Chefärztin und fabrizierte ein Papier mit Anschuldigungen wegen angeblicher Veruntreuung von Mitteln. Es war eine Offensive der Leere, wie Ossipow den Konflikt in einer Erzählung beschreibt. Die Beamten kämpften für ihre Lebensform, die Steuerung von Geldströmen, gegen die Mediziner, die ihre Mission verteidigten, Kranke zu heilen. Es gab einen Aufruhr in der Presse, tausend Intellektuelle im In- und Ausland solidarisierten sich mit den Medizinern von Tarussa; der konservativ-orthodoxe „Russische Bote“ schoss zurück mit einer Schmähschrift gegen „listige Zugezogene, die die Gutgläubigkeit des russischen Volkes für ihre eigensüchtigen Ziele“ ausnützten. Doch die Anschuldigungen erwiesen sich als Fälschung, die Verwaltungsspitze wurde abgelöst, die Chefärztin wieder eingesetzt – und die Leere, in Ossipows poetisch-medizinischem Bild, wieder in die Zellenzwischenräume zurückgedrängt.

          Oase abseits der Moskowitischen Machtkämpfe

          Heute erscheint Tarussa fast wie eine Oase abseits der Moskowitischen Machtkämpfe. Der kleine Ort besitzt ein Kunstmuseum, zwei Bibliotheken, eine Musikschule, vor allem aber einen opulenten Literaturpalast, errichtet von dem kunstaffinen hiesigen Keramik-Oligarchen Ismail Achmetow, wo Ausstellungen stattfinden und im Ausland lebende russische Musiker gerne Konzerte geben. Im Unterschied zu Moskau stößt man nicht allenthalben auf Schlagbäume und Betonabsperrungen, es gibt keine staatlichen Umsiedelungsprogramme. Dass eine Tarussaer Grundschülerin zwei Mamas und keinen Papa hat, regt niemanden auf. Auch dass seine Patienten weniger rauchen, vorsichtiger Auto fahren und ihm nicht mehr zum Dank Selbstgebrannten in die Klinik mitbringen, nimmt Ossipow als Indiz, dass Tarussa rascher westlicher werde als die Hauptstadt.

          Der Ukraine-Konflikt erreicht einen freilich auch hier. Patienten, die sich die Medikamente nicht mehr leisten können, begreifen die eigene Verarmung als „Preis für die Krim“. Staatsfunktionäre, denen die Bevölkerung egal ist wie zuvor, sind, da sie Patriotismus mimen müssen, reizbar und leicht beleidigt. Ossipow hat mit Freunden gebrochen, die Putins Ukraine-Politik gutheißen. Er meidet jetzt bestimmte Cafés. Die Ohnmacht, mit der die russische Intelligenzia den fatalen Prozessen in der Gesellschaft zusehen muss, erinnert ihn an den Zustand eines immobilisierten Infarktpatienten, der nur die Signale auf dem Monitor anstarren kann. Deswegen ist er froh, dass seine Tochter, eine Geigenvirtuosin, nach Frankfurt am Main gezogen ist, wo sie sich ganz der Musik widmen und damit ihren Lebensunterhalt bestreiten kann. In Russland sei das, weiß der Vater, heute beinahe unmöglich.

          Provinzielle Eintönigkeit

          Dass sein Sohn Wassilij, der ebenfalls Arzt wurde, in Tarussa Wurzeln schlug, erfüllte ihn zunächst mit Sorge. Auch Wassilij Ossipow hat in Moskau Medizin studiert und arbeitete dort eine Weile in einer Klinik. Das russische Gesundheitssystem sei katastrophal, erklärt Ossipow junior, und zwar nicht nur, weil es vierzig Jahre hinter der amerikanischen Technologie hinterherhinke. Unter dem Druck von Versicherungsgesellschaften nötige es den Medizinern Normbehandlungen auf. Um Patienten individuell zu therapieren, habe er auf Prämien von vornherein verzichtet. Dennoch sei es ständig zu Konflikten mit Kollegen gekommen, die Geld verdienen wollten, um ihre Familien zu ernähren. Für ihn sei das Traktat von Alexander Solschenizyn vom hochmütigen „Bildungspack“ (Obrasowanschtschina), das sich bereitwillig für offiziöse Lügen einspannen lasse, eine Schlüssellektüre gewesen, bekennt der Mediziner. Er habe schon den Beruf wechseln wollen. Doch dann habe er bei einem Praktikum in Tarussa den großartigen jetzigen Chefarzt kennengelernt, der ebenfalls aus Moskau dorthin gezogen sei. Wassilij Ossipow verdient nun einen Bruchteil von seinem Moskauer Gehalt, kann dafür aber, unterstützt von der Wohltätigkeitsstiftung sowie einem Gatisabonnement der medizinischen Datenbank UpToDate, seine Profession vollwertig ausüben.

          Auch für Maxim Ossipow wurde Tarussa sein Zuhause. Die provinzielle Eintönigkeit, vor der viele Hiesige in Richtung Hauptstadt fliehen, hat für ihn, den Moskauer, etwas Tröstliches. Er ließ die Gräber seiner Angehörigen hierher umbetten. Zwar ärgerte es Ossipow, dass die Kreisverwaltung Geld für Kinder einer Kleinstadt auf der Krim sammelte, während sie zugleich das Reinigungspersonal im Krankenhaus einsparte. Doch dass, als seine Mutter starb, die Tarussaer Bekannten, gemäß dem russischen Brauch, für seine Begräbniskosten Geld sammelten, hat ihn tief gerührt. Die Provinz bringe einem dem Wurzelboden des Seins näher, heißt es in einer Geschichte. Eine andere stellt fest, nach Rückschlägen passe man besser in die Landschaft, sei weniger ängstlich. Und man lerne, die Welt von unten zu betrachten, also in aufsteigender Bewegung, vom Tiefpunkt in Richtung höchster Fülle.

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