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Bachmannpreis in Klagenfurt : Wie ich einmal vorlas

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Lustlos schwangen die Kritiker ihre bewährten Instrumente: Antonia Baum bei ihrer Lesung Bild: Puch Johannes

Entbeinte Texte, Literaturvollzugsbeamte und ein schöner See - das ist Klagenfurt beim alljährlichen Bachmannpreis-Wettbewerb. Ein Selbsterfahrungsbericht vom Wettlesen am Wörthersee.

          5 Min.

          Als ich mich auf den Sessel setzte, dachte ich noch, mach dich darauf gefasst, dass es ein elektrischer Todessessel werden kann, rechne damit, dass du gleich live gegrillt wirst, denn du bist hier beim Bachmannwettbewerb, der renitentesten Casting-Literatur-Show of Europe, wie ein Juror bei der Eröffnung lachend erklärt hatte, überhaupt hatten mir so viele vorher schon den Bachmannpreis erklärt, von dem ich, offen gestanden, nicht viel mehr wusste, als dass er existiert und bekannt ist und „Wettlesen“ genannt wird, und wenige Stunden, bevor ich auf dem Autorensessel Platz nahm, hatte mir noch ein anderer, der „schon seit 20 Jahren dabei“ ist

          und mit dem ich auf einer Klagenfurter Wiese gestanden und Häppchen verspeist hatte, erklärt, dass der Bachmannwettbewerb ja längst nicht mehr der Autorenschlachthof sei, der er mal war, es gehe hier inzwischen viel, viel ziviler, harmloser und ausgemachter zu als früher, und hier verrissen zu werden bedeute ja im Grunde gar nichts mehr, aber Klagenfurt und besonders der Wörthersee seien eben sehr schön, die ganze Branche treffe sich hier halt Jahr für Jahr für Jahr, und ob ich heute Abend auch da-und-da-hin zum Speisen käme, und dann aßen wir weiter unsere Häppchen, und die Sonne schien, und ich freute mich tatsächlich ein bisschen auf die bevorstehende Lesung, wie ich mir auf dem Autorensessel sitzend noch mal extra ins Bewusstsein rief, und dann fing ich an zu lesen, was aufregend war und von irgendjemand anderem gemacht wurde, jedenfalls nicht von mir, dachte ich, während ich las und las und mir die Wörter aus dem Mund in den Fernseher fielen, wie mir manchmal einfiel . . .

          – und dann erschrak ich, aber las weiter, automatisch rannte mein Text vor mir her hin zu dem Kritikerhalbkreis, der die Textseiten umschlug, blätterte, in meinen Innereien herumblätterte, dachte ich lesend, selber schuld!, dachte ich weiter, und dann wurde geklatscht, und mein Mund war trocken, und es begann ein noch flüssigkeitsärmeres Gemetzel von einigen in die Jahre gekommenen Metzgern, denen der Staub aus den Gesichtern bröselte und deren Gelenke von ihrem literaturwissenschaftlichen Kalk quietschten und viel zu unbeweglich waren, um meinen Text mit Engagement umzubringen, so wie sich das für anständige Metzger gehört, denn anständige Metzger schärfen ihre Messer und hauen nicht stumpf und gelangweilt mit den immer gleichen Äxten auf dem Tier herum, dachte ich, musste ich denken, weil es sich nicht gehört, etwas zu sagen, wenn die Kritiker reden, und das ist es ja, worum es hier überhaupt geht: Was sich in der Literatur gehört und was sich nicht gehört, was in der Literatur erlaubt ist und was nicht, was geht und was nicht geht.

          Und irgendwo, auf dem Klagenfurter Kirchenboden, liegt dann der zerfledderte Autorentext – die Szenerie beim Bachmannpreis 2011

          Sie walteten weiter ihres höllischen Metzger-Amtes

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