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Bachmann-Wettbewerb : Vierzehn Autoren trauen sich was

  • -Aktualisiert am

Die siegreiche Klagenfurterin in Klagenfurt: Maja Haderlap Bild: REUTERS/Herwig Prammer

Klagenfurt erfrischt in diesem Jahr nicht nur am See. Die Themen: ungewohnt aktuell und brisant. Die Jury: zum Teil überfordert. Am Ende gab es beim Bachmann-Wettbewerb trotzdem eine würdige Siegerin: Maja Haderlap.

          5 Min.

          Um als unbekannter Autor vor Publikum zu lesen, braucht es Optimismus. Sich dabei auch noch von Fernsehkameras beobachtet zu wissen und von einer Jury, deren Macht einen in den Himmel befördern kann, aber auch in den Abgrund des literarischen Vergessens, verlangt nahezu heroischen Mut. Der Literaturwettbewerb von Klagenfurt hat aus Unbekannten namhafte Schriftsteller gemacht, genauso wie er Hoffnungen junger Autoren gnadenlos zerstörte. Auch bei den diesjährigen 35. Tagen der deutschsprachigen Literatur steckten gleich zu Beginn einige der insgesamt vierzehn lesenden Schriftsteller Urteile ein, bei denen man schon selbstbewusst sein muss, um nicht aufzugeben. Doch zu Recht: Der Auftakt war so schwach, dass man fast in das Klagelied der vielen Bachmann-Veteranen eingestimmt wäre, die das sinkende Niveau des Wettbewerbs alljährlich aufs Neue leidenschaftlich besingen. Aber wie sich bald herausstellte, war Optimismus die bessere Strategie: Jeder Wettbewerb braucht eine Aufwärmphase. Auch Klagenfurt.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Interessant wurde es erst am zweiten Tag, an dem auch Maja Haderlap antrat, die den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis schließlich gewann. Das war keine überraschende Wahl; schon im Vorfeld war über eine drohende „politische Entscheidung“ gemunkelt worden. Die fünfzig Jahre alte Haderlap hat österreichisch-slowenische Wurzeln und lebt in Klagenfurt. Sie nur als Preisträgerin zur Güte zu bezeichnen, täte ihr allerdings Unrecht. Ihr Beitrag war ein Auszug aus dem bereits in dieser Woche erscheinenden Debütroman „Engel des Vergessens“ und erzählte vom Partisanenkrieg der Slowenen gegen die deutsche Wehrmacht in Österreich. Als Erinnerung der Alten dringt er ins Leben der Erzählerin ein, einem kleinen Mädchen, das nach dem Krieg in den Wäldern auf dessen Spuren stößt: „Die Wälder seien der Zufluchtsort vieler Menschen gewesen, eine Hölle, in der Wild gejagt worden sei und in der sie gejagt wurden wie Wild.“ Was Maja Haderlap vortrug, war ein elegischer, stilsicherer Text, poetisch und abgründig, ein würdiger Gewinner – auch, wenn man sich einen anderen durchaus hätte vorstellen können.

          Beides geht: sich fürchten und lachen

          Denn auf eine ähnliche Spurensuche ins Land begab sich auch der Dichter Steffen Popp. Durch den etwas litaneiartigen Vortrag aus seinem Roman „Spur einer Dorfgeschichte“ ging dessen Witz zwar fast vollständig verloren. Der dichte, lyrische Prosatext über einen thüringischen Ort, der dem Untergang entgegendämmert, vermochte aber trotzdem zu überzeugen, weil er sprachlich filigran gearbeitet war und dabei doch so rätselhaft blieb, dass er die Zuhörer zur Mitarbeit provozierte. Dafür gab es den mit 10.000 Euro dotierten Kelag-Preis. Zu Recht mit viel Lob und dann auch mit dem 3sat-Preis in Höhe von 7500 Euro bedacht wurde der Beitrag von Nina Bußmann, ebenfalls eine Erinnerungscollage. Vordergründig geschieht nicht viel: Der Lehrer Schramm zupft in seinem Garten akribisch das Unkraut. Durch den von ihm im Geiste nachgefochtenen Kampf mit einem vorwitzigen Schüler, mit den Kindern, die in seiner Straße wohnen, und auch mit seinem erotischen Begehren zeichnete Bußmann hier jedoch das hochliterarische Porträt eines Sonderlings. Die Jury feierte sie als „Meisterin der Mikrowelten“.

          Die Gewinner: Maja Haderlap (M.), mit Thomas Klupp, Steffen Popp, Nina Bussmann und Leif Randt (von links nach rechts)

          Den mit 7000 Euro dotierten Ernst-Willner-Preis vergaben die Juroren schließlich an Leif Randt. Der 1983 in Frankfurt geborene Absolvent des Hildesheimer Literaturseminars trat in Klagenfurt mit einem Auszug aus seinem Roman „Schimmernder Dunst über Cobycounty“ an. Es war der sympathischste Text von allen. Nicht nur, weil Randt von einem jungen Mann erzählte, der mit seiner Freundin, seinem Job, seinem Leben einfach zufrieden ist – also das oberflächliche Leben in einer Art feierte, wie es die Literatur nur selten wagt. Sondern auch, weil der Beitrag von einer feinen Ironie durchzogen war, die dem Publikum erstmals ein befreites Lachen erlaubte. Juror Burkhard Spinnen beschwerte sich zwar, er wolle sich nicht nur amüsieren, sondern auch fürchten. Das aber ließ Daniela Strigl nicht gelten. Sie zeigte ihm gleich zwei entsprechende Stellen und fügte an, man könne übrigens beides: sich fürchten und lachen. Tosender Applaus im Publikum – ebenfalls zum ersten Mal in drei Tagen.

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