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Autorin Sally Rooney : Dieses Elend könnte eine lustige E-Mail ergeben

Sally Rooney Bild: intertopics/eyevine/Gary Doak

Wie man lernt, sich selbst nicht mehr anzustarren: Sally Rooney legt mit ihrem Roman „Gespräche mit Freunden“ ein großes Debüt vor.

          Ein Esstisch kann eine Menge verbergen, besonders wenn man in einer Gruppe daran sitzt, in der nicht jeder alles vom anderen weiß und auch gar nicht wissen soll. Heimlichkeiten, die deshalb im Gespräch keinen Platz haben, werden dann durch Berührungen mit den Füßen ausgetauscht. Wenn sie freundlich gemeint sind, sagen sie etwa, dass die aufgesetzte kühle Miene, die oberhalb der Tischplatte gezeigt wird und Gleichgültigkeit symbolisieren soll, nichts zu sagen hat angesichts der Nähe, die durch die Zärtlichkeit der Zehenspitzen ausgedrückt wird. Unfreundlich gemeint ist dagegen ein kräftiger Tritt, wenn der andere gerade im Tischgespräch etwas Unbedachtes gesagt hat.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Ob zärtlich oder rabiat: Die Füße setzen das Gespräch der Köpfe fort, ergänzen oder berichtigen es und sind daher auf ein Gegenüber angewiesen. Dass sie allerdings auch ein Selbstgespräch führen können, steht in Sally Rooneys Roman „Gespräche mit Freunden“, der jetzt auf Deutsch erscheint. Frances, die Erzählerin, eine irische Studentin, ist gemeinsam mit ihrer Freundin Molli in ein Ferienhaus in der Bretagne eingeladen. Sie trifft dort das Ehepaar Melissa und Nick und deren Freunde Derek und Evelyn, die alle zwischen elf und zwanzig Jahre älter sind als die beiden Studentinnen. Das Gespräch kommt auf eine ehemalige Verehrerin von Nick, deren Avancen er mit dem Hinweis auf seine Ehe abgewehrt habe. Ob sie denn attraktiv gewesen sei, fragen die Freunde. Jedenfalls „irrsinnig jung“, ergänzt einer von ihnen, „dreiundzwanzig oder so.“ Und vielleicht hätte sie sich durch die Tatsache, dass er verheiratet war, gar nicht abschrecken lassen, sondern das eher als „Herausforderung“ gesehen?

          Ein Tritt auf die Zehen

          Frances, die seit einigen Wochen ein immer wieder unterbrochenes Liebesverhältnis mit Nick hat, ohne zu wissen, ob jemand am Tisch davon Kenntnis hat, sagt dazu nichts, tritt sich aber „mit dem Absatz meiner Sandalen selbst auf die Zehen“ – so fest, „dass der Schmerz durch mein Bein schoss, und ich musste mir auf die Unterlippe beißen, um ruhig zu bleiben. Als ich den Absatz von meinen Zehen nahm, pochten sie.“

          Eine von vielen Szenen, von denen aus man den gesamten Roman betrachten könnte, die beiläufig und zugleich monströs wirken, so wie die Menschen, von denen die Erzählerin berichtet, je nach Betrachtung normal bis zur Belanglosigkeit und dann wieder abgründig erscheinen. Heimlichkeiten und jähe Offenbarungen prägen das Miteinander der Figuren ebenso wie der damit einhergehende Schmerz, dem die Erzählerin Frances besonders ausgesetzt ist, in seelischer und – zunächst schwer davon zu sondern – körperlicher Hinsicht, was früh angedeutet wird und spät mit einer medizinischen Diagnose bestätigt wird.

          Vor allem aber spielt Rooney, Jahrgang 1991 und seit kurzem als literarische Stimme ihrer Generation gefeiert, in ihrem Debütroman alle möglichen Formen der Kommunikation durch, so dass „Gespräche mit Freunden“ ein glücklich gewählter Titel für dieses Buch ist: Das sind Diskussionen in der Gruppe, bebend vor Ungesagtem im allgemeinen Geplauder, da sind Dialoge zwischen ehemaligen, aktuellen und künftigen Liebenden, auch Online-Chats spielen eine Rolle.

          Im Schreibrausch

          Und selbst über Bande wird gesprochen, wenn auch einseitig und zeitversetzt, etwa indem Frances in einer Art Schreibrausch eine Kurzgeschichte verfasst, in der Bobbi, mit der sie als Schülerin eine Liebesbeziehung hatte, einseitig porträtiert wird. Melissa, die inzwischen von Frances’ Affäre mit Nick weiß, verschafft sich den unlektorierten Text aus der Redaktion des literarischen Magazins, das ihn veröffentlichen will, und leitet ihn an Bobbi weiter. Die reagiert verletzt – nicht nur wegen des wenig schmeichelhaften Bildes, das von ihr gezeichnet wird, sondern weil sie von dessen Existenz nichts geahnt hatte: „Ich habe in den letzten zwanzig Minuten mehr über deine Gefühle erfahren als in den letzten vier Jahren“, sagt sie.

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