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Autorin Nicole Krauss : Auch Romanfiguren sind aus Staub gemacht

Gedichte sind Räume, Romane Häuser: Nicole Krauss vor wenigen Tagen zu Hause in Brooklyn Bild: Tobias Everke

Die Schriftstellerin Nicole Krauss ist eine der interessantesten Nachwuchsautorinnen der amerikanischen Literatur. Eine Begegnung anlässlich ihres dritten Romans „Das große Haus“.

          Nicole Krauss ist sechsunddreißig Jahre alt. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in einem wohlhabenden Elternhaus in New York mit ausgedehnten Besuchen bei ihren Großeltern in London und Jerusalem. Sie studierte in Stanford englische Literatur und in Oxford Kunstgeschichte. Sie erhielt Stipendien, schrieb Lyrik, gewann Lyrikpreise, veröffentlichte ihren ersten Roman. Sie heiratete einen berühmten Schriftsteller, mit dem sie ein großes Haus in Brooklyn kaufte, schrieb ihren zweiten Roman, wurde damit ihrerseits berühmt und zusammen mit ihrem Mann ein Glamourpaar. Sie bekam zwei Kinder und wurde kürzlich vom „New Yorker“ in seiner Liste der „Zwanzig unter vierzig“ aufgeführt. Das ist jene Gruppe von Autoren, denen das Magazin eine leuchtende literarische Zukunft voraussagt.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Und dann kam ihr dritter Roman heraus. Ein Buch über Verluste, wie schon ihre vorherigen, darüber, wie das Leben sich nach zerstörerischen Verlusten neu erschafft. Ein Buch über die Erinnerung und über Vermächtnisse. „Great House“ heißt es im Original, in der kommenden Woche erscheint es unter dem Titel „Das große Haus“ in deutscher Übersetzung im Rowohlt Verlag. Wenn man den wunderschönen Sätzen von Nicole Krauss folgt, in denen es um Abschied geht, um Trauer und Einsamkeit, fragt man sich: Woher weiß sie über diese Dinge so genau Bescheid?

          Doch mitunter so etwas wie Anteilnahme

          Nicht, dass man traurig sein müsste, um traurige Romane zu schreiben. Aber was Nicole Krauss bisher in all ihren Büchern interessierte, sind Themen, bei denen man sich unwillkürlich eine ältere Autorin vorstellt. Weil wir immer wieder in die autobiographische Falle tappen und uns, auch wenn gute Literatur natürlich auf Erfindung beruht, denken, der Autor brauche doch die eigene Erfahrung, um mit seiner Phantasie in jene Bereiche des Seins vorzudringen, in denen die Gefühle der Trauer und Verlassenheit ihren Ort haben.

          Als wir uns kürzlich an einem eiskalten Nachmittag in einem Café in Brooklyn trafen, um über solche Dinge und ihr neues Buch zu sprechen, sagte Nicole Krauss, sie habe, solange sie sich erinnern könne, zu viele Gefühle gehabt. Um ihnen eine Form zu geben und sie in den Zusammenhang einer Geschichte zu stellen, habe sie schon früh mit dem Schreiben begonnen. Natürlich ist sie auch immer eine besessene Leserin gewesen. „Als ernsthafter Leser“, sagt sie, „hat man das Glück, in vielen Welten zu leben. Das innere Leben dehnt sich aus, vervielfältigt sich. Das erschafft einen Teil der Persönlichkeit. Wäre ich eine andere, wenn ich nicht läse? Selbstverständlich.“ Die meisten Autoren, die sie verehrt, kommen nicht aus Amerika, Roberto Bolaño ist darunter, David Grossmann, Kafka, Borges, Bruno Schulz. Und im Augenblick vor allem Thomas Bernhard, dessen Hemmungslosigkeit bei der Beschreibung anderer Menschen sie fasziniert und bei dem sie doch mitunter so etwas wie Anteilnahme zu bemerken meint. Anteilnahme ist das zentrale Wort, wenn man verstehen will, was diese Schriftstellerin umtreibt.

          Grenzenlose Freiheit, gelegentlich Konfusion genannt

          Zunächst schrieb Nicole Krauss Gedichte, das merkt man ihren Sätzen an. Heute vergleicht sie ein Gedicht mit einem Zimmer. Die Abmessungen sind definiert, der Raum ist klein: „You can make it perfect, and shut the door.“ Anders der Roman. Er sei wie ein Haus. Irgendetwas sei immer kaputt, die Türen seien offen und das Risiko, Fehler zu machen, sei immer gegenwärtig. „Die Frage ist nur: Wie groß werden die Fehler sein? Welche Form wird das Haus beim Schreiben annehmen? Das ist für mich Schreiben - etwas zu bauen, das dann mein Zuhause wird.“ Ein Zimmer perfekt einzurichten ist nicht mehr ihre Sache. Sie will Häuser bauen. Weil sie die offene Form des Romans reizt, den sie als längere Geschichte definiert, die einen Anfang und ein Ende hat und dem Autor darüber hinaus, anders als ein Sonett, keine Grenzen setzt.

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