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Schriftsteller Uri Orlev : Vom Schrecken erzählen

Uri Orlev Bild: ALBERTO CRISTOFARI/CONTRASTO/lai

Schnellschule des Lebens: Als Kind überlebte der israelische Autor Uri Orlev das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Heute wird er neunzig Jahre alt.

          2 Min.

          Als Zofia mitten im Krieg ins Getto-Krankenhaus gebracht wird, kümmert sich ihre Schwägerin Stella um Zofias Söhne Jurek und Kazik. Dann, Anfang 1943, verschleppen die deutschen Besatzer zahlreiche Bewohner des Warschauer Gettos und zerstören auch das Krankenhaus, in dem Zofia liegt. „Kranke wie sie, die nicht in der Lage waren, das Bett zu verlassen, wurden erschossen. Ein deutscher Soldat ging von Bett zu Bett und schoss ihnen in den Kopf.“

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Diese entsetzliche Szene steht etwa in der Mitte von Uri Orlevs Roman „Die Bleisoldaten“, erschienen 1956. Damit ist aber die Geschichte von Zofia noch nicht auserzählt. Es folgt eine kursive Passage: „Zofia, stelle ich mir vor, steigt sofort in den Garten Eden auf.“ Ihr schon vor ihr verstorbener Bruder nimmt sie in Empfang, aber bevor sie endgültig alles hinter sich lässt, fällt ihr plötzlich etwas ein: „Ich habe völlig vergessen, Stella zu sagen, dass Jurek ein großes Loch in einem Backenzahn hat.“

          Auch der Backenzahn zählt

          Als ob das angesichts all der Schrecken, in denen Stella nun Zofias Söhne behüten muss und wird, eine Sorge der gerade verstorbenen Mutter wert ist, könnte man meinen. Nur dass in Jureks Perspektive der Backenzahn sehr wohl zählt. Und dass der Kunstgriff des Romanautors gerade darin besteht, von monströsen und alltäglichen Dingen auf eine Weise zu erzählen, die sowohl die Perspektive der erlebenden Kinder wie auch die des viele Jahre später schreibenden Autors respektiert – letztere beherrscht dann die kursiven Passagen und ergänzt, was der anfangs elfjährige Jurek noch nicht wissen kann.

          Orlev, geboren als Jerzy Henryk Orlowski in Warschau, verbrachte nach dem Einmarsch der Wehrmacht einige Jahre im Warschauer Getto und nach der Ermordung seiner Mutter im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Seine eigenen Erlebnisse, aber auch die vieler anderer während des Zweiten Weltkriegs, sind in die meisten der Bücher eingegangen, die er schrieb, nachdem er zusammen mit seinem Bruder in Israel angekommen war und den Namen Uri Orlev angenommen hatte: „Wie man weiß, übertrifft manchmal die Realität jede Phantasie“, schreibt er in der Vorrede zum Roman „Lauf, Junge, lauf“ von 2001, der zu einem seiner erfolgreichsten werden sollte. Er schildert, ebenfalls basierend auf einer wahren Geschichte, wie ein Neunjähriger aus dem Warschauer Getto entkommt und sich bis zum Kriegsende durchschlägt – versehrt, aber immerhin lebendig. Als er dann endlich in die Schule gehen darf, absolviert er sie in der Hälfte der vorgesehenen Zeit.

          Nüchtern vom Grauen reden

          Orlev hat als Autor vor allem für Kinder und Jugendliche geschrieben und ist dafür auch international hochgeehrt worden, etwa mit dem Hans-Christian- Andersen-Preis. Viele seiner Bücher hat Mirjam Pressler ins Deutsche gebracht. Der Ton, der in ihnen klingt, ist nüchtern und kann gerade deshalb das Ambivalente sowohl mancher Ereignisse als auch der Beteiligten darstellen, von den fürchterlichen Entscheidungen erzählen, die denjenigen aufgenötigt werden, die mit ihren Nächsten am Leben bleiben und zugleich in einer unmenschlichen Umgebung nicht den Anstand verlieren wollen. Aber diese sachliche Stimme ermöglicht außerdem, dass eine zweite, phantastische, zeitlose Stimme im Kontrast dazu eine Ahnung davon gibt, dass die Gegenwart mit Krieg und Leid nicht das letzte Wort ist. Heute feiert Uri Orlev seinen neunzigsten Geburtstag.

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