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Zum Tod von Fritz Rudolf Fries : Aus der Isolation fand er nur einen Ausweg

Der Schriftsteller und der Stasi-Spitzel: Fritz Rudolf Fries Bild: Picture-Alliance

Er hatte für die Stasi gearbeitet und gab es als einziger prominenter Schriftsteller zu, ohne erst enttarnt zu werden. Das überschattete ein originelles Werk. Zum Tod des Schriftstellers Fritz Rudolf Fries.

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          In seiner Erzählung „Don Quixote flieht die Frauen“ stellte Fritz Rudolf Fries fest: „Der Lügner muß ein gutes Gedächtnis haben.“ 1995 erschien der Text als bibliophile Ausgabe in der Katzengraben-Presse. Ein Jahr später wusste die literarische Öffentlichkeit, dass Fries Inoffizieller Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienst der DDR gewesen war. Er hatte darüber „nur“ geschwiegen, nicht gelogen, nun enttarnte er sich selbst: in seiner Tagebuchpublikation „Im Jahr des Hahns“. Das Echo war dennoch verheerend.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Denn Fries war einer der prominentesten Autoren der DDR, und sein Debütroman „Der Weg nach Oobliahdoo“ hatte ihn 1966 seine Arbeitsstelle in der Ost-Berliner Akademie der Künste gekostet, weil er im Westen, bei Suhrkamp, auf Empfehlung von Uwe Johnson, erschienen war, nachdem ihm in der DDR die Druckgenehmigung verweigert worden war. 1972 aber wurde Fries, der danach weitere Bücher hatte publizieren dürfen, ins PEN-Zentrum der DDR aufgenommen, und er durfte damit als rehabilitiert gelten. Seine Mitarbeit als Stasi-IM begann gleichzeitig. Sie währte nach seinen eigenen Angaben bis 1985.

          Das verziehen ihm weder seine Kollegen noch die Öffentlichkeit, denn Fries war berühmt geworden für seine ganz eigene Weise des Pikaresken. Die Liebe zum Spanischen rührte von seiner Mutter her, einer Spanierin, weshalb Fries 1935 auch in Bilbao zur Welt gekommen war. Doch eine skurrile Figur im Sinne dieser spanischen Literaturtradition wollte und konnte man in ihm 1996 nicht sehen. Danach dauerte es bis 2013, ehe mit „Last Exit to El Paso“ (Wallstein Verlag) wieder ein Roman erschien, der von der Kritik gefeiert wurde. Doch die Spitzeltätigkeit überschattete weiterhin das Bild von Fries.
          Seine Bücher gehören zum Originellsten, was die deutsche Literatur in den letzten fünfzig Jahren hervorgebracht hat.

          Für seine aus dem Willen, die künstlerische Isolation in der DDR zu vermeiden, entstandene Anbiederung an die Stasi und deren zeitweise Unterstützung, kann man das leider nicht sagen. Fries hatte Mut, es als Einziger ungezwungen zuzugeben. Aber das erweckte bei manchen den Eindruck, dass er sich ins für ihn typisch Humoreske retten wollte, zumal Fries die Selbstenthüllung ohne jeden Anflug von Bedauern vollzogen und auch später vor allem sein Befremden über die resultierende Ächtung geäußert hatte. Jetzt ist Fritz Rudolf Fries im Alter von 79 Jahren gestorben.

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