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Zum Achtzigsten von Les Murray : Australiens Lyrikschatz

Der Barde von Bunyah liest: Les Murray im Herbst 2002 in der australischen Hauptstadt Canberra Bild: EPA

Vor Veröffentlichung seines Jahrhundertwerks war Les Murray berühmt dafür, seine Position als Dichter vom Ende der Welt auszuspielen. Zum Achtzigsten der großen literarischen Stimme Australiens.

          „Mir wurde flau zumut und schwindlig. Wir hatten Watte, / die wir in die Wunde stopften. Dann fuhren wir nach Warwick runter.“ Zwei Zeilen aus rund zehntausend, die das Versepos „Fredy Neptune“ bilden, publiziert 1998 von dem australischen Dichter Les Murray und sechs Jahre später ins Deutsche übersetzt von Thomas Eichhorn, in einer der heroischsten Nachdichtungsleistungen überhaupt. Wo und wie auch immer „Fredy Neptune“ erschienen ist, im Heimatland von Murray und danach in der ganzen englischsprachigen Welt oder auch in den mehr als einem Dutzend Sprachen, in die das Buch übertragen wurde, es setzte eine Zäsur. Nicht nur darin, dass ein Lyriker, der zuvor zu Hause eher als Literaturkritiker und -herausgeber bekannt war und im Ausland mehr gepriesen wurde als daheim, plötzlich als prominenteste literarische Stimme in Australien galt – Murray wurde prompt vom dortigen National Trust zum „Lebenden Nationalschatz“ (nach japanischem Vorbild) ernannt –, nein, seitdem erst ist er auch ein großer internationaler Star, soweit man das von einem Lyriker überhaupt sagen kann, zudem ein ständig Weltreisender und -lesender und ernsthafter Literaturnobelpreiskandidat. Und das alles zu Recht.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          An „Fredy Neptune“ lässt sich besonders leicht zeigen, warum. Wie hier eine der ältesten literarischen Traditionen, nämlich das homerische Epos, revitalisiert wurde durch eine moderne Odyssee, die den Titelhelden (einen deutschstämmigen Seemann) durch die Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts, aber auch durch die viel ältere Mythenwelt führt, das wurde sofort als lyrisches Äquivalent zu James Joyce verstanden. Und tatsächlich liest sich die gewaltige Verserzählung wie ein Roman in der modernistischen Manier des „Ulysses“, doch Murray nutzt dabei vor allem die rhythmischen und rhetorischen Erbteile der Poesie. Die beiden eingangs zitierten Zeilen lauten im englischen Original: „I was getting faint and wobbly. We had some cotton wool / and plugged the wound. We drove on down to Warwick.“ Selbst die staunenswerte deutsche Übersetzung kann da die Fülle an Assonanzen und Alliterationen nicht bewahren; der dunkle Sprachton, der von Murray nur mit den Personalpronomen durchbrochen wird, musste von Eichhorn aufgehellt werden. Das Sprachgemälde Murrays verliert einen Teil seines Firnis, wird damit zwar strahlender, aber auch etwas weniger klassisch.

          Das machte die Überraschung beim Erscheinen dieses Großpoems aus: der klassische Duktus. Murray war zuvor berühmt dafür, seine Position als Dichter vom Ende der Welt auszuspielen. Er stellte sich selbst in die Tradition einer australischen Dichtergruppe der dreißiger Jahre, der Jindyworobaks, die im Geist des Expressionismus als weiße Einwanderer indigene Einflüsse aus der neuen Heimat in ihre Lyrik einfließen ließen. Ähnlich agiert Murray in seinen mehr als dreißig Gedichtbänden, doch er begreift auch die daraus resultierende exzentrische Position in der westlichen Ästhetik wieder als eine originäre und somit höchst originelle Stimme, mit der er nun den ganzen Kanon durchsetzt. Höhepunkt diesbezüglich ist „Fredy Neptune“. Murray zuzuhören bei einer Deklamation daraus oder auch anderer seiner Gedichte ist ein akustisches Abenteuer. Es verleiht dem feinziselierten Sprachkunstwerk jenen Beiklang einer Wildheit, um die es dem Schriftsteller geht. Sie ist zweifellos das derzeit markanteste Element der Literatur Australiens.

          Dass Murray darüber hinaus ein politisch engagierter Publizist ist, der sich gern ins politische Geschehen seines Landes einmischt, ist in Europa wenig bekannt. Just diese vielfache Ferne ist ihm wiederum besonderer Anreiz bei Besuchen auf dem Alten Kontinent. Mögen sie nicht seltener werden, nachdem Les Murray heute seinen achtzigsten Geburtstag feiert.

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