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Ausstellung im Centre Pompidou : Der größte Comicbestseller seit „Asterix“

Er ist aktuell der große Star des französischen Comics, aber man kennt ihn in der ganzen Welt: Das Centre Pompidou zeigt das Werk des Künstlers Riad Sattouf.

          Comics ausgestellt im Centre Pompidou? Vor zwölf Jahren wurde mit Hergé (wem sonst?) der Anfang gemacht; seitdem folgten Art Spiegelman, Claire Bretécher, André Franquin und nun Riad Sattouf. Doch lediglich Hergé war es gelungen, wirklich in den Museumsbereich vorzustoßen, wenn auch nur in dessen Untergeschoss. Die anderen vier fanden ihren Platz alle in der Bibliothek des Centre, was den Vorteil freien Eintritts und eines jüngeren Publikums hat, aber eben nicht wirklich die musealen Weihen des wichtigsten französischen Museums für moderne Kunst. Ganz als Hochkultur darf sich der Comic also nicht einmal in seiner Hochburg Frankreich fühlen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Riad Sattouf ficht das nicht an – im Gegenteil. „Ich mache meine Comics für Bücher, nicht für die Wände eines Museums“, sagt er beim Rundgang durch seine Ausstellung. „Normalerweise schlage ich Museumsangebote aus. Aber in einer Bibliothek auszustellen war reizvoll. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die sich kaum Bücher leisten konnte, also verdanke ich meine Lektüre den Bibliotheken. Es sind magische Orte für mich.“

          Der größte Comicbestseller seit „Asterix“

          Über die Familie von Riad Sattouf weiß nicht nur Frankreich, sondern mittlerweile die halbe Welt Bescheid. Sein bislang vierbändiger autobiographischer Comic „L’Arabe du future“ (deutsch „Der Araber von morgen“, übersetzt vom Rezensenten) ist der größte französische Comicbestseller seit „Asterix“ und in mehr als zwanzig Sprachen verfügbar. Die Geschichte des 1978 als Sohn eines Syrers und einer Bretonin geborenen Riad Sattouf, der seine Kindheit gut zur Hälfte in der arabischen Welt verbracht hat, trifft den Nerv einer Zeit, die sich täglich mit Fragen von Integration und interkulturellem Austausch befassen muss. Sattouf ist dabei kein bequemer Gewährsmann. Die Schilderungen der eigenen Erlebnisse in einer Gesellschaft, die er vor allem als gewalttätig empfand, sind ungeschminkt. Aber sein Porträt Frankreichs ist auch nicht sympathisch. Trotzdem hat „L’Arabe du future“ dort ein Massenpublikum erreicht; der jüngst erschienene vierte Band hat sich in wenigen Monaten mehr als 300.000 mal verkauft.

          Pacsal Brutal auf einer Umschlagzeichnung für das „Fluide Glacial“-Heft Nr. 358 Bilderstrecke

          Sattoufs Schau ist aber keine Spezialausstellung zu diesem, seinem erfolgreichsten Comic, wenn auch die Gestaltung der in die Bibliothek hineingebauten Koje bewusst leicht labyrinthisch ist, um einen im Comic prominent erzählten Albtraum des kleinen Riad aufzunehmen – kurz vor Schluss wechselt darum in einem tief abgehängten Korridor das bisherige Reinweiß der Wände zu Blutrot, und an dessen Ende dräut riesig vergrößert das zentrale Panel der Traumschilderung. „Nein, eine simple Erfolgsgeschichte wird hier nicht erzählt“, wehrt Sattouf ab. „Als ich in meinem Archiv auswählte, stieß ich auf ganz viele Projekte, die abgelehnt worden sind. Was ich hier zeige, ist größtenteils eine Abfolge von Pleiten.“

          Eine höchst reizvolle allerdings, denn so sieht man etwa Frühformen gezeichneter Kindheitserinnerungen, die bis in Sattoufs Schulzeit zurückreichen. Aber auch einen ganz anderen „Arabe du future“, der tatsächlich dem Titel gemäß als Science-Fiction-Comic gedacht war: „L’Arabe de l’espace“ (Der Weltraumaraber), entstanden 2003 und von allen angeschriebenen Verlagen abgelehnt.

          Da hatte Sattouf seine Ausbildung an der Kunsthochschule in Rennes schon hinter sich, aus der erstaunliche Arbeiten gezeigt werden, an der Wand angeordnet wie ein Bilderstrom, der sich von links nach rechts immer weiter aufstaut, bis er dann in einer Kaskade abwärts stürzt. Und in diesem Bilderfall finden sich mehrere von Moebius und Robert Crumb beeinflusste Motive, die um zwei Originale der beiden Comiczeichner aus Sattoufs Privatsammlung angeordnet sind. „Ich hätte mich das nie getraut, aber die Kuratoren wollten es so haben.“ Sattouf strahlt: „Einmal mit einem eigenen Blatt neben meinem großen Idol Moebius hängen zu dürfen, das bedeutet mir noch viel mehr, als hier im Centre Pompidou auszustellen.“

          Daneben gibt es Skizzen, Familienfotos und etliche Originalseiten, auch aus älteren Serien wie „La vie secrète des jeunes“ oder „Pascal Brutal“, die ebenfalls viel gelesen wurden, und aus „Les cahiers d’Esther“, dem jüngsten Comic, einer auf acht Jahre angelegten dokumentarischen Fortsetzungsserie über die Jugend eines Mädchens aus der Pariser Vorstadt. Sattoufs Verleger erzählt beiläufig, dass die Filmrechte am „Araber“ verkauft worden sind, aber sein Autor wiegelt ab: „Was sollen wir darüber reden? Was ich zu erklären habe, zeichne ich.“ Die Ausstellung heißt ja auch passenderweise „gezeichnete Schrift“.

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