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Marbachs Dichter-Handschriften : Was war das erste Wort?

Hier wird der Klang zur Schrift: Hans Magnus Enzensbergers Kinderbrief an den Vater. Bild: DLA Marbach

Im digitalen Zeitalter bleibt die Handschrift immer mehr auf der Strecke. Das Literaturmuseum der Moderne in Marbach widmet sich am Beispiel von Schriftstellern dem Bezug zum eigenen Schreiben.

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          Die Sache ist ganz klar ein Fall für die Arbeitsmediziner: Die Tätigkeit des Schreibens schadet dem Nacken, den Augen, dem Rücken, dem Unterleib, den Venen und den Hüftgelenken. Aber sie tut uns auch gut, sie trainiert uns und sorgt dafür, dass wir auf Zack bleiben, denn wir aktivieren beim Schreiben mit der Hand zwölf Gehirnareale, die vernetzt und koordiniert werden müssen, und nehmen siebzehn Gelenke und dreißig verschiedene Muskeln in Anspruch. Das Schreiben hilft uns dabei, unsere Gedanken beisammenzuhalten. Was wir mit eigener Hand abgeschrieben haben, bleibt uns fast immer länger im Gedächtnis als das nur Gelesene. Aber wie es eigentlich angefangen hat mit unserem Schreiben, das dürften wir in der Regel vergessen haben: „Wie war das, als ich das erste Wort schreiben konnte? Ich wünschte, ich könnte mich erinnern!“

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Cornelia Funke, Jahrgang 1958, Autorin der weltweit gelesenen „Tintenwelt“-Trilogie, erinnert sich nicht mehr an die ersten Buchstaben, die sie ins Schulheft bannte, wohl aber an das erste Schreibgerät, einen blauen Pelikan-Füllfederhalter. Weil sie die „Schönschreibe-Übungen“ ans geliebte Zeichnen erinnerten, wurden sie ihr zum Genuss: „Was ist schon der große Unterschied, ob man den Klang von Worten oder einen Hund oder ein Pferd im Bild festhält?“

          „Warum auch noch schön?“

          Dass Wörter nicht selten anders aussehen, als sie klingen, gehört indes zu den zentralen Problemen des Schrifterwerbs. Wie haben Schriftsteller schreiben gelernt? Nicht anders als ihre Leser. Hans Magnus Enzensberger, Ideengeber der neuen Marbacher Ausstellung über die vielfältigen Aspekte der Handschrift – vom Schrifterwerb bis zu den unterschiedlichen Verfahren der Fixierung eines Sprachkunstwerks –, nimmt den Unterschied zwischen Klangbild und Schriftbild auf die leichte Schulter, wenn er im Gespräch mit Jan Bürger erklärt, warum er schon vor dem Schulbesuch lesen konnte: „Wenn man als Kind rausgeht und man sieht das Wort ,Bäckerei‘ – da sind Brote und Semmeln drauf. Und wenn man um die Ecke geht, dann kommt noch einmal ein Laden mit demselben Wort. Und das bedeutet halt ,Bäckerei‘ – das kann man auch noch mit ,Backen‘ verbinden. Das versteht sich doch alles von selbst, dafür brauche ich gar keine Schule.“

          Dass der Schulbesuch jedoch auch beim sechsjährigen Magnus nicht völlig überflüssig war, belegt eines der schönsten Stücke dieser reichhaltigen Ausstellung: Enzensbergers mit Buntstift illustrierter „Brief an den Vater“ empfiehlt nicht nur die „ilegterrische Aisenban“ als Transportmittel, sondern auch ihren baldigen Gebrauch: „Liber-Fata-Gom-Balt-Magnus“.

          „Immer mussten wir schön schreiben“, stöhnt der fast Neunzigjährige heute. Hätte verständlich und lesbar zu schreiben denn nicht genügt? „Warum auch noch schön?“ Die Erinnerung an die Zwänge der Schulzeit gehört zu den Konstanten, von denen die Ausstellung durchzogen ist. Hermann Hesse, bekennender Schulverächter, über seine Zeit als Seminarist im Kloster Maulbronn: „Ich brauchte nur das ,Du sollst‘ hören, so wendete sich alles in mir um und ich wurde verstockt.“ Wenig später, als Insasse der Heilanstalt Stetten, fragt der Fünfzehnjährige brieflich seinen Vater: „Darf ich Sie vielleicht um 7 M(ark) oder gleich um den Revolver bitten. Nachdem Sie mich zur Verzweiflung gebracht, sind Sie doch wohl bereit, mich dieser und sich meiner rasch entledigen zu wollen.“ Aus dem „lieben Hermann“ war unter dem Druck der pädagogischen Anstalten ein anderer geworden, ein „Welthasser, eine Waise, deren ,Eltern‘ leben“.

          Die Schriften von Kafka und Hesse nachvollziehen

          Nicht ganz so schlimm erging es Walter Benjamin, dessen „Zeugnis der Reife“ im Fach Schreiben ein „nicht genügend“ vermerkte. Doch auch für Benjamin war die Schule ein auf der Angst der Schüler beruhendes System, dessen Direktiven und Ideale er noch viele Jahre später aus der Unterschrift seiner Lehrerin Helene Pufahl herauslesen konnte: „Das P... war das P von Pflicht, von Pünktlichkeit von Primus: f hieß folgsam, fleißig, fehlerfrei und was das l am Ende anging, war es die Figur von lammfromm, lobenswert und lernbegierig.“

          Lehrerin Pufahls Signatur ist in Marbach nicht zu sehen, aber Manuskripte, Briefe oder Tagebucheintragungen laden immer wieder zum Handschriftenvergleich ein. Marbachs Museen, so viel ist erkennbar, setzen unter der neuen Direktorin Sandra Richter verstärkt auf Didaktik und Museumspädagogik, vulgo aufs Mitmachen. Man kann die Schwünge und die ihnen zugrundeliegende Motorik in den Unterschriften von Hesse und Kafka mittels einer Art Licht- und Luftschreiber mit dem eigenen Körper nachvollziehen, im Foyer Enzensbergers berühmten Poesieautomaten in Bewegung versetzen oder sich in Schreibecken zurückziehen. Nie zuvor war der Wille zur Werkstatt-

          Atmosphäre in Marbach so deutlich zu spüren. Mit Blick auf die nicht nur auf der Schillerhöhe oft vergeblich herbeigesehnten Schulklassen ist das zwar verständlich, aber mit berechtigten Einwänden dürfte zu rechnen sein.

          Kurrent, Sütterlin oder lateinischen Buchstaben

          Während an den Schulen schon seit geraumer Zeit die Debatten über Für und Wider von Handschrift und Druckschrift sowie der Methoden des Schreibenlernens nach Gehör mit erheblicher Intensität und nicht ohne eine gewisse Verbiesterung geführt werden, stellt Marbach mit dieser Ausstellung auf spielerische Weise nicht zuletzt die Frage nach den Bedingungen seiner Existenz. Hans Magnus Enzensberger ist ja beileibe nicht der Einzige, der glaubt, dass für das Schreiben mit der Hand längst das Totenglöckchen geläutet wird.

          Die persönliche Handschrift, gleichviel ob in Kurrent, Sütterlin oder lateinischen Buchstaben, war nie „eine selbstverständliche Gabe der Evolution“, wie Enzensberger sagt. Ob seine Prognose, derzufolge das Manuskript nur eine flüchtige, bald abgeschlossene historische Episode darstelle, zutreffend ist, bleibt abzuwarten. Das Bedürfnis, sich selbst auszudrücken und darzustellen, hat im Zeitalter der Digitalisierung ja nun nicht gerade abgenommen. Dass es sich neuer Mittel und Wege bedient, muss nicht heißen, dass wir die Handschrift vollständig abschreiben sollten.

          Wer schreibt, spielt mit der Welt und sich. Sarah Kirsch, eine Rechtshänderin, füllte in den achtziger und neunziger Jahren mehrere Schulhefte mit „Übungen für die linkische Hand“: „Weshalb? a.) vielleicht freut sich die rechte Gehirnhälfte b.) wenn ich 1 Schlaganfall kriege, hab ich schon etwas geübt! Solche Späßchen leiste ich mir.“

          Hands on! Schreiben lernen, Poesie machen. Im Marbacher Literaturmuseum der Moderne. Bis zum 1. März 2020. Ein „Marbacher Magazin“ zur Ausstellung erscheint in Kürze.

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