https://www.faz.net/-gr0-9rqtz

Marbachs Dichter-Handschriften : Was war das erste Wort?

Die Schriften von Kafka und Hesse nachvollziehen

Nicht ganz so schlimm erging es Walter Benjamin, dessen „Zeugnis der Reife“ im Fach Schreiben ein „nicht genügend“ vermerkte. Doch auch für Benjamin war die Schule ein auf der Angst der Schüler beruhendes System, dessen Direktiven und Ideale er noch viele Jahre später aus der Unterschrift seiner Lehrerin Helene Pufahl herauslesen konnte: „Das P... war das P von Pflicht, von Pünktlichkeit von Primus: f hieß folgsam, fleißig, fehlerfrei und was das l am Ende anging, war es die Figur von lammfromm, lobenswert und lernbegierig.“

Lehrerin Pufahls Signatur ist in Marbach nicht zu sehen, aber Manuskripte, Briefe oder Tagebucheintragungen laden immer wieder zum Handschriftenvergleich ein. Marbachs Museen, so viel ist erkennbar, setzen unter der neuen Direktorin Sandra Richter verstärkt auf Didaktik und Museumspädagogik, vulgo aufs Mitmachen. Man kann die Schwünge und die ihnen zugrundeliegende Motorik in den Unterschriften von Hesse und Kafka mittels einer Art Licht- und Luftschreiber mit dem eigenen Körper nachvollziehen, im Foyer Enzensbergers berühmten Poesieautomaten in Bewegung versetzen oder sich in Schreibecken zurückziehen. Nie zuvor war der Wille zur Werkstatt-

Atmosphäre in Marbach so deutlich zu spüren. Mit Blick auf die nicht nur auf der Schillerhöhe oft vergeblich herbeigesehnten Schulklassen ist das zwar verständlich, aber mit berechtigten Einwänden dürfte zu rechnen sein.

Kurrent, Sütterlin oder lateinischen Buchstaben

Während an den Schulen schon seit geraumer Zeit die Debatten über Für und Wider von Handschrift und Druckschrift sowie der Methoden des Schreibenlernens nach Gehör mit erheblicher Intensität und nicht ohne eine gewisse Verbiesterung geführt werden, stellt Marbach mit dieser Ausstellung auf spielerische Weise nicht zuletzt die Frage nach den Bedingungen seiner Existenz. Hans Magnus Enzensberger ist ja beileibe nicht der Einzige, der glaubt, dass für das Schreiben mit der Hand längst das Totenglöckchen geläutet wird.

Die persönliche Handschrift, gleichviel ob in Kurrent, Sütterlin oder lateinischen Buchstaben, war nie „eine selbstverständliche Gabe der Evolution“, wie Enzensberger sagt. Ob seine Prognose, derzufolge das Manuskript nur eine flüchtige, bald abgeschlossene historische Episode darstelle, zutreffend ist, bleibt abzuwarten. Das Bedürfnis, sich selbst auszudrücken und darzustellen, hat im Zeitalter der Digitalisierung ja nun nicht gerade abgenommen. Dass es sich neuer Mittel und Wege bedient, muss nicht heißen, dass wir die Handschrift vollständig abschreiben sollten.

Wer schreibt, spielt mit der Welt und sich. Sarah Kirsch, eine Rechtshänderin, füllte in den achtziger und neunziger Jahren mehrere Schulhefte mit „Übungen für die linkische Hand“: „Weshalb? a.) vielleicht freut sich die rechte Gehirnhälfte b.) wenn ich 1 Schlaganfall kriege, hab ich schon etwas geübt! Solche Späßchen leiste ich mir.“

Hands on! Schreiben lernen, Poesie machen. Im Marbacher Literaturmuseum der Moderne. Bis zum 1. März 2020. Ein „Marbacher Magazin“ zur Ausstellung erscheint in Kürze.

Weitere Themen

„Solos“ Video-Seite öffnen

Trailer : „Solos“

„Solos“ läuft bei Amazon Prime Video

Topmeldungen

Die HMS Defender bei ihrer Ankunft im Hafen von Odessa am 18. Juni

Vorfall im Schwarzen Meer : Wollte die Royal Navy Russland provozieren?

In Großbritannien verstärkt sich der Eindruck, dass die Royal Navy im Schwarzen Meer ein Zeichen setzen wollte. Moskau droht für Wiederholungen mit Bombenangriffen „nicht einfach in den Kurs, sondern auf das Ziel“.
Der neue Bosch-Chef Stefan Hartung

Generationswechsel : Bosch baut seine Führung komplett um

Dass Stefan Hartung an die Spitze des Technologiekonzerns aufrückt, war schon länger klar. Doch wie groß der Umbau ausfällt, überrascht. Vor allem die neue Position des bisherigen Chefs erregt Aufmerksamkeit.

Probleme des DFB-Teams : Höggschde Fahrigkeit

Der Unterschied zur WM 2018, als Deutschland krachend vom hohen Ross fiel, besteht in erster Linie darin, dass sich „die Mannschaft“ nun wehrte. Das Grundproblem aber hat sich nicht verändert.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.