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Hermann Hesse im Dritten Reich : Aushängeschild oder Volksverräter?

  • -Aktualisiert am

Hermann Hesse Bild: DLA-Marbach, www.dla-marbach.de

Suhrkamp-Kultur im Wehrmachtsauftrag: Eine Ausstellung in Gaienhofen widmet sich der NS-Rezeption von Hermann Hesse am Beispiel des „Glasperlenspiels“ im Dritten Reich.

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          Die Ausstellungsstücke – Briefe, Manuskripte, Fotos – liegen im körnigen Sand einer Bocciabahn zwischen abgegriffenen Kugeln. Nicht nur, weil Hermann Hesse Boccia mit ähnlicher Hingabe spielte wie sein Beinahe-Nachbar Konrad Adenauer. Die Kunst, die eigenen Kugeln möglichst nahe am Pallino, der Zielkugel, zu plazieren und alle fremden wegzukicken, ist auch ein Sinnbild für das wechselhafte Schicksal seines Romans „Das Glasperlenspiel“. Hesse hatte mit seiner „Lebensbeschreibung des Magister Ludi Josef Knecht“ den Geist gegen die Macht, Schönheit und Wahrheit gegen eine hässliche Wirklichkeit (die der NS-Zeit) verteidigen wollen. Sein letzter, größter und schwerster Roman sollte die Summe seiner Ästhetik, Ethik und Politik werden, ein musikalisch getönter Jahrhundertroman wie Thomas Manns „Doktor Faustus“. Aber als er nach mehr als zehn Jahren Arbeit 1943 endlich in der Schweiz erschien, erreichte er, sehr zum Verdruss des Autors, nicht mehr „die Leser, für die er bestimmt war“.

          Was Hesse als „Panzer gegen die hässliche Zeit“ entworfen und wohl auch empfunden hatte, eine „vollkommen saubere, von allem Augenblicklichen und Aufregenden freie Welt“, war nur noch eine Fußnote im Schwanengesang der abendländischen Kultur, eine letzte Stufe des ewigen Wanderers. Die von Lutz Dittrich kuratierte Ausstellung im Gaienhofener Hesse-Museum, die mit anderem Konzept 2018 schon im Berliner Literaturhaus zu sehen war, stellt das „Glasperlenspiel“ erstmals in den politischen Kontext seiner Zeit und macht dabei auch auf einige blinde Flecken und dunkle Stellen in Hesses ansonsten so strahlend sauberer Ästhetik des Widerstands aufmerksam.

          Leise, introvertiert und unpolitisch

          Als pietistisch geprägte schöne Seele immer schon eher leise, introvertiert und unpolitisch, geriet Hesse im „Dritten Reich“ zwischen alle Fronten und war zeitweilig „ungewollt ein mitdrehendes Rädchen im Getriebe des NS-Systems“ (Dittrich). Als naturalisierter Schweizer und Innerer Emigrant im Ausland konnte er sich nicht wie etwa Thomas Mann oder Stefan Zweig im erzwungenen Exil zum politischen Autor entwickeln. Hesse war nach 1933 in Deutschland inoffiziell „unerwünscht“, aber weder verboten noch verfemt. Im Gegenteil, seine Gedichte und Erzählungen wurden hunderttausendfach verkauft und erschienen bis 1945 in Frontausgaben und Besatzungszeitungen in ganz Europa. „Der komplizierten Natur Hesses ist es nicht gegeben, äußerem Geschehen gegenüber sich zu entscheiden, sich einzureihen“, hieß es verständnisvoll in einer Soldatenzeitung. Der Dichter lebe zurückgezogen in der Schweiz, habe sich aber „nie durch Emigrantenkreise in die Front gegen Deutschland hineinziehen lassen“.

          Es war also nicht ganz falsch, wenn Hesse von dem Emigranten Georg Bernhard 1936 als ein „Aushängeschild“ des Regimes bezeichnet wurde. Als Will Vesper ihn als „Verräter an unserem Volkstum“ attackierte, wurde der sonstige NS-Liebling von der Reichsschriftumskammer zurückgepfiffen: Goebbels wollte auf Hesses Renommee und die Devisen nicht verzichten. „Was kann dich noch in Deutschland halten?“, fragte Bermann Fischer ihn 1938, nachdem er seinen Verlag im Zuge der Arisierung an Peter Suhrkamp hatte verkaufen müssen. Hesse erwog mehr als einmal, seinen Vertrag zu kündigen und die Rechte zurückzukaufen, aber er war schon zu tief verstrickt in ein Netz von Loyalitäten, Kompromissen und Irrtümern, um sich dem Machtbereich der NS-Kulturpolitik einfach entziehen zu können. 1934 überzeugte ihn noch Bermann Fischer, 1939 dann dessen Nachfolger Suhrkamp davon, dass ein Rückzug nicht nur die Existenz des Verlags gefährden, sondern auch eine wichtige Stimme des Widerstands verstummen lassen würde.

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