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Fontane-Jubiläum : Welche Sinnlichkeit seine Sprache besitzt!

Weil sich am 30. Dezember 2019 der Geburtstag des Schriftstellers zum zweihundertsten Mal jährt, steht das Jahr ganz im Zeichen Theodor Fontanes. Bild: ZB

Aus dem Mauseloch in die Weltliteratur: In Neuruppin, der Geburtsstadt des Autors, eröffnet das Fontane-Jubiläumsjahr. Eine begleitende Ausstellung zeigt ihn als sprachverliebten Literaturunternehmer.

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          Als Gott im Jahr 1863 vom Himmel auf Deutschland blickt, findet er es „erbärmlich“ und will helfen, da er eine Schwäche für dieses Land hat. „Meditierend, wie das am besten anzufangen sei, geht er in den Environs seiner himmlischen Hauptstadt, die halb Faubourg halb Villenpark und ein klein bisschen Ghetto sind, spazieren.“ Er kommt in den Bezirk der „reponierten Götter“ und beauftragt dort Jupiter, zur Erde zu reisen und sich der Sache anzunehmen. Der römische Gott gehorcht, beginnt, „unten aufzuräumen und stellt Deutschland wieder auf seine zwei Beine“.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Aus dem Stoff hätte ein Roman werden können, sogar einer von Theodor Fontane, der die Geschichte von der himmlischen Mission, angetreten bezeichnenderweise kurz vor Beginn der sogenannten preußischen Einigungskriege gegen Dänemark und Österreich, 1885 in einem Brief an Paul Lindau skizzierte, den Verleger der Zeitschrift „Nord und Süd“. Man wüsste gern, was Fontane im Sinn hatte, als er – aus der Rückschau von zwei turbulenten Jahrzehnten – Jupiter nach Berlin schicken wollte und gerade nicht den Kriegsgott Mars (allerdings auch nicht die kluge Minerva). Hatte er vor, die tatsächlichen Ereignisse, von den Düppeler Schanzen über Königgrätz bis Sedan, als Ergebnisse göttlicher Hilfe zu schildern? Was flüstert Jupiter Bismarck ein, hält der sich daran? Oder sähe Fontanes Preußen gerade wegen dieser Intervention ganz anders aus als das reale und mit ihm Europa?

          Was keiner kaufen wollte, verschwand in den Tiefen seines Archivs

          Doch Lindau biss nicht an, der Roman blieb ungeschrieben. Das Schicksal teilt er mit zahlreichen anderen Erzählkeimen, die Fontane fand, skizzerte und diversen Verlegern anbot, immer mit Blick auf einen lukrativen Zeitschriftenvorabdruck. Was keiner kaufen wollte, verschwand in den Tiefen seines Archivs: „Storch von Adebar“ (der Titelheld ein „Confusionarius. Heute so morgen so“) ebenso wie die Aufsteigergeschichte „Erreicht“, „Die Gundermanns“ oder der schon recht weit gediehene Roman „Allerlei Glück“. Allerdings dienten die Stoffsammlungen auch als Steinbruch für andere Projekte (den Emporkömmling Gundermann etwa kennt man aus dem „Stechlin“), was gerade im Fall von „Allerlei Glück“ dazu führte, dass Fontane den Plan dazu auch deshalb aufgab, weil er mittlerweile eine ganze Reihe von Motiven und Personen schon verwendet hatte.

          Weil sich am 30. Dezember 2019 der Geburtstag des Schriftstellers zum zweihundertsten Mal jährt, sind nicht nur seit dem vergangenen Herbst eine ganze Reihe von Publikationen zu Fontane erschienen, darunter vier Biographien und im Rahmen der verdienstvollen Großen Brandenburger Ausgabe auch seine Theaterkritiken. Außerdem wird im Museum von Fontanes Geburtsstadt Neuruppin die Ausstellung „fontane.200/Autor“ eröffnet, die es an Sperrigkeit durchaus mit ihrem Titel aufnehmen kann, die auf viele Reize verzichtet, die für Literaturausstellungen normalerweise unverzichtbar sind, und die gerade darum einen scheinbar vertrauten Autor mutig auf eine Weise präsentiert, die ein Schlaglicht auf eine sonst kaum ausgeleuchtete Seite seiner Existenz wirft.

          Wortschöpfungen und Textaufkleber in der Ausstellung „fontane.200/Autor“ im Museum Neuruppin

          Sie besteht im Wesentlichen aus zwei großen Räumen im vor fünf Jahren errichteten Neubau des Museums und zwanzig kleinen im Altbau, dem ehemaligen Haus des Neuruppiner Bürgermeisters, das aus der Wiederaufbauzeit nach dem großen Stadtbrand von 1787 stammt. Aus den kleinen wurden alle Exponate geräumt, die Fontane bei seinen Besuchen noch nicht hatte sehen können – die anderen wurden zum Teil mit seinen Beschreibungen dieser Stücke in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ versehen, als Hörstation oder Aufschrift, und weitere Räume widmen sich knapp der Biographie Fontanes.

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