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Ausstellung „Expedition Grimm“ : Erzählen, edieren, umarbeiten

Die Ausstellung über die beiden Brüder ist hier noch bis 8. September zu sehen: Grimm-Denkmal in Kassel Bild: dpa

Zur Ruhe kamen die Herren nie: In Kassel sammelten die Brüder Grimm ihre Märchen. Nun hat dort die Ausstellung „Expedition Grimm“ eröffnet - ein gewichtiges Wort zum Jubiläum.

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          Als die Leiche des Kurfürsten Wilhelm I. aus Kassels Innenstadt über die damals noch lauschige Wilhelmshöher Allee zum Bergpark mit Schloss und Löwenburg gebracht wurde, passierte der Zug ganz zu Anfang auch das Wilhelmshöher Tor. Unter den vielen Beobachtern war ein Brüderpaar, das seinen Standortvorteil nutzte: Jacob und Wilhelm Grimm waren an jenem 13. März 1821 durch ein Fenster ihrer Wohnung im nördlichen Wächterhaus des Tors geklettert. Nun standen sie auf der Plattform des Portikus und sahen sich das Ganze an.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Ohne den bauwütigen Landgrafen, das wussten sie, gäbe es weder das Schloss im Park noch die Löwenburg, vom Tor und seinen Wächterhäusern ganz zu schweigen. Beide Brüder hatten ihm als Bibliothekare gedient, und schon der elfjährige Jacob hatte ihn nach dem Tod des Vaters, den Ruin der Familie vor Augen, über eine Verwandte um Unterstützung gebeten. Die letzte Begegnung aber an diesem Frühlingsabend ist auch die zwischen einem hoffnungslos rückwärtsgewandten Autokraten und zwei Forschern, Sammlern und Erzählern, die schon dabei waren, die Grundlagen für ein halbes Dutzend wissenschaftlicher Disziplinen unserer Zeit zu legen.

          Ludwig Emil Grimm, der unbekanntere, zeichnende Bruder, stellte sich um 1830 den Auszug von Jacob und Wilhelm von Kassel nach Göttingen als regelrechten Triumph vor
          Ludwig Emil Grimm, der unbekanntere, zeichnende Bruder, stellte sich um 1830 den Auszug von Jacob und Wilhelm von Kassel nach Göttingen als regelrechten Triumph vor : Bild: Die andere Bibliothek

          Dass die Jacob und Wilhelm Grimm gewidmete Hessische Landesausstellung „Expedition Grimm“ ausgerechnet in Kassel gezeigt wird, ist nur gerecht: Hier waren die 1785 (Jacob) und 1786 (Wilhelm) in Hanau geborenen Brüder mütterlicherseits verwurzelt, hier gingen sie nach dem frühen Tod des Vaters aufs Gymnasium, hierhin kehrten sie nach dem Studium in Marburg zurück, um in enger Gemeinschaft zu forschen und - Jacob vor allem - als Angestellter Kurhessens und des Königreichs Westphalen in unterschiedlichen Funktionen die große Familie zu ernähren. Hier lebten sie monatelang in enger Nachbarschaft mit Clemens Brentano, der seine junge zweite Frau mitbrachte und die Eheschließung bald bitter bereute. Hier sammelten sie die Märchen, die sie berühmt machen sollten.

          Wo es rätselhaft ist, bleibt es auch rätselhaft

          Und wenn sich im Katalog die traurige Feststellung findet „die Kasseler Wohnungen der Brüder Grimm sind im Zweiten Weltkrieg untergegangen“, so hält die Ausstellung kräftig dagegen. Ein Teil der klug bespielten Documenta-Halle ist der virtuellen Rekonstruktion jener Wohnung am nördlichen Wilhelmshöher Torhaus gewidmet, in der die Brüder gemeinsam von 1814 bis 1822 wohnten und den Leichenzug ihres Fürsten beobachteten. Jenem Ort also, an dem Werke wie die „Deutschen Sagen“ entstanden, der erste Teil der „Deutschen Grammatik“ (beide stammen von Jacob Grimm) und vor allem die wesentlich veränderte zweite Auflage der „Kinder- und Hausmärchen“ (1819), bei der Wilhelm Grimm das Lektorat übernahm und mit seiner entschlossenen Überarbeitung die Grundlage für den Welterfolg der Sammlung schuf.

          Auf der Basis von Zeichnungen, einem - wenn auch nicht maßstabsgerechten - Raumplan, einem Brief Wilhelms an den damals in Paris arbeitenden Jacob sowie dem Vergleich mit dem spiegelbildlich angelegten, aber wesentlich besser erhaltenen südlichen Torhaus wurde für die Ausstellung eine begehbare Installation entwickelt. In einem abgedunkelten Raum im Untergeschoss der Halle hängt an der Stirnseite ein großer Monitor, auf dem Boden ist ein Lageplan der Wohnung. Wer ihn betritt und von Raum zu Raum geht, sieht währenddessen auf dem Monitor das entsprechende Zimmer der Torwache - zur Navigation ist allerdings eine behutsame Hand gefragt, sonst kann es passieren, dass sich alles um den Betrachter dreht.

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