https://www.faz.net/-gr0-6l8tf

Ausstellung: Ernst Jünger : In Zeichenschauern

  • -Aktualisiert am

In Reih und Gleid: Jüngers Archivordner Bild: DLA Marbach

Muss man heute noch antreten, wenn Ernst Jünger zur Werkbesichtigung ruft? Unbedingt. Wer moderne Autorschaft begreifen will, sollte die exzellente Ausstellung in Marbach sehen.

          5 Min.

          Diese Ausstellung lockt uns in einen Hinterhalt. Als erstes Objekt, in Tageslichthelle präsentiert, ein bunter Regenschirm, aufgespannt, als habe ihn ein Sommerfrischler zum Spaziergang bereitgelegt. Dann, nur wenige Schritte weiter, der Eintritt in die abgedunkelte Katakombe. Und plötzlich ist er da: in einem gläsernen Kasten, umflort von Dämmerlicht, Ernst Jüngers Helm aus dem Ersten Weltkrieg mit Einschusslöchern an der Seite. Wie er da so ruht in seinem schimmernden Sarg, könnte er ein Teil von Darth Vaders Rüstung sein. Aus welcher Galaxie kommt dieses Stück zu uns? Aus welchem Material ist es gemacht: dem Stoff einer Geschichte, die uns heute, im einundzwanzigsten Jahrhundert, noch betrifft und formt? Oder einer historischen Legierung, in der die Schrecken einer kriegerischen Vergangenheit endgültig versiegelt sind?

          Es muss verlockend gewesen sein, aus diesem Fetisch dramaturgisches Kapital zu schlagen, aus der Plötzlichkeit des kleinen Schocks, den diese Reliquie bereithält, eine ganze Überrumpelungs- und Angstästhetik zu entwickeln: Ernst Jünger, der Feldherrendichter, der kriegslüsterne Chronist der Massenvernichtung, der Gefahrensucher, der cool noch den eigenen Kopfschuss kommentiert: „Fasste hin, ob das Gehirn noch intakt war. Zum Glück nur Blut.“ So einen hätte man mit viel Theaterdonner als Chefausleuchter der Weltkriegskulissen dastehen lassen können: 1914 freiwillig zur Front gemeldet, dort nicht nur Zeuge und Überlebender des industriellen Schlachtens geworden, sondern, mit dem Kriegstagebuch „In Stahlgewittern“, auch dessen schonungsloser Reporter.

          Artist auf dem eigentlichen Kampfplatz der Literatur

          Es folgen: Weimarer Zwischenzeit, Demokratiehass und nihilistischer Dandyismus als Vorspiel zum nächsten Großeinsatz. Zweiter Weltkrieg, wieder ein Bewährungsszenario für die soldatische Angstverachtung, diesmal nur leider ideologisch überwölbt von der Pöbeldiktatur der Nationalsozialisten. Deshalb, mit üblen Zwischenspielen im Feld faschistoider Propaganda, geordneter Rückzug in die Welt der Texte. Doch auch hier Kampfansagen und strategisches Operieren, wenn auch verschlüsselt: Mit den „Marmorklippen“, der Parabel vom Oberförster und seinen tödlichen Schergen, ein Gleichnisbuch geschrieben, das Goebbels die Suppe einer gleichgeschalteten Literatur versalzte und dem intellektuellen Widerstand, wie sich später herausstellte, ein Dokument der Hoffnung von einigem ästhetischem Nährwert schenkte.

          Gezeichnet von Gewalt: Kalender aus dem Jahr 1908/09

          Diese Figur also hätte man zeigen können: sich selbst grell anstrahlend mit den explosiven Texten der Frühphase. Gerade erst sind ja die Tagebücher 1914 bis 1918, die Vorstufe der „Stahlgewitter“, erschienen (F.A.Z. vom 9. Oktober). Sie zeigen einen „Krieger in sinnentleerter Landschaft“, wie ihn der Literaturforscher Helmut Lethen genannt hat, einen Mann ohne theologischen Trost und ohne ideologische Rückversicherung.

          Aber da ist eben auch dieser Schirm. Der spätere Jünger fing damit Insekten, die Farben des Baldachins sind Lockmittel, das heißt Zeichen, die eine Fiktion herstellen. Und genau hier, in der Differenz zwischen dem Zeichennutzer und Fiktionshersteller einerseits und dem gepanzerten Kriegsakteur andererseits, sucht die Marbacher Ausstellung den Autor auf. Nein, mehr noch. Sie entreißt ihn der nun schon Jahrzehnte währenden Wertungsgeschichte - „ein verkappter Nazi!“, zetert die linke Political Correctness, „der letzte Kämpfer gegen bürgerlicher Depraviertheit!“, frohlockt der naive Konservatismus - und zeigt ihn als Artisten auf dem eigentlichen Kampfplatz der Literatur: der Texte.

          Ein Synkretismus der Formate und Stile

          Ulrich Raulff, Direktor des Marbacher Archivs, hat sein Eingangskapitel des Katalogs lakonisch mit „Der Schreiber“ betitelt - das trifft genau den Gestus dieser exzellenten Exposition: den aggressiv-nationalistischen, rechts-revolutionären Autor als Handwerker der Sprache darzustellen. Immerhin hat Jünger nach seinen furiosen Schilderungen des modernen Schreckens noch achtzig Jahre weitergeschrieben. Der Nimbus dieser Schockliteratur überstrahlt das sich bis ans Ende des zwanzigsten Jahrhunderts erstreckende Werk auf unangemessene Weise. Auch deshalb muss diese Ausstellung im Dämmerlicht stattfinden.

          Wie nun lässt sich das von Schlagworten - Schreckensästhetik! Moderneschelte! Kriegssymphonik! - umstellte OEuvre auf einen Horizont der Produktion hin öffnen? Genau so: indem man einen Deutungshorizont herstellt, eine Linie, an der entlang sich nicht die Geister, sondern erst einmal die Texte in ihren unterschiedlichen Entstehungsphasen scheiden. In Marbach ist das ganz konkret umgesetzt: Das Rückgrat der Ausstellung bildet eine Vitrinenreihe, die ein Zeit- und Textband entzweischneidet. Oben liegen Notiz- und Skizzenbücher, Kladden und Schreibhefte, unten die Manuskripte in verschiedenen Bearbeitungsstufen. 280 Tagebücher sind es allein, die hier erstmals zu sehen sind; sie bilden das Reservoir, aus dem der Schreiber seine Ideen und Motive schöpft. Das beginnt mit Tagebüchern des Ersten und Zweiten Weltkrieges und zieht sich fort über die Diarien nach 1944 bis hin zu den Kalendern, deren Notate sich in Spätwerken wie „Siebzig verweht“ und „Eumeswil“ niederschlagen.

          Dieser Vorgang der Sedimentierung und Ablagerung von persönlicher Skizze zu publiziertem Text ist kein militärisch geordneter, kein Produkt straffer Organisation. Vielmehr entdeckt man an der Demarkationslinie der Dichtung entlang ein Prinzip der Verwebung und Verwerkung, des Ab-, Um- und Überschreibens, wie es filigraner und antiautoritärer nicht sein könnte. Man muss das gesehen haben: Wie Jünger Heftchen und Kalender füllt mit Schrift, aber auch Skizzen, Verzierungen, Tabellen. Eine ganze Illustrationskultur ist hier zu bestaunen, die in die Texte hineinwuchert, ein Synkretismus der Formate und Stile und eben erst einmal nicht die metallische Verhärtung des Materials, wie die literarische Coolness sie fordert. „Ranken sprühen“ nannte Benn das Verfahren, hier wird es augenfällig: ein Zeichengewebe, in dem die eigenwilligsten Formen zum Vorschein kommen; vom Comic-Strip (die frühen Skizzen einer martialischen Jungsphantasie) bis zum Logo-Entwurf (die vielzitierte Schlange, ein Emblem des Jüngerschen Symboldenkens, in verschiedensten Variationen, als neckische Insignie, als gravitätisches Unendlichkeitszeichen).

          Ein Netz aus Einflussnahmen

          Dieses Werk ist durchwachsen, das begreift man nun, wenn man den Produktionshorizont abschreitet. Es ist nicht nur auf dem Höhenkamm der literarischen Einzelleistung, sondern über die breite Ebene eines sich verzahnenden, selbst bespiegelnden Textackers angesiedelt, in dem, aufgrund wilder Palimpsestwucherungen, manchmal auch der Sinn begraben liegt.

          Die Infragestellung, ja Hintertreibung der eigenen Absichten scheuen diese Collagen nicht. In den Skizzenbüchern zum „Arbeiter“, der literarischen Feier einer industriellen, entindividualisierten Moderne, finden sich Rotweinspuren und Überkritzelungen, dazu der Kommentar „in vino error“. Der Gestus des romantischen Schöpfersubjekts - Rausch! Ekstase! - trifft ganz materiell auf die Idee des sich gegen Sentimentalitäten abschließenden Kollektivs. Oder die Überklebungen der Manuskriptseiten des Romans „Eumeswil“: Sie durchkreuzen die Idee des Autors als Sinnsouveräns seiner Kreationen, marginalisieren ihn zum scripteur des intertextuellen Materials.

          Hätte Jünger nicht schon aufgrund seines Alters - er wurde 102 - alle Auslegungsmoden überlebt, man könnte ihn einen Postmodernen avant la lettre nennen. Gerade der Autor, der entgegen aller Wahrscheinlichkeit in den Gewaltgewittern der Kriege nicht sterben sollte, als Darsteller der Idee vom Tod des Autors, verstanden als Auslöschung der Dichterinstanz im Signifikantenstrom: Das ist schon eine Volte der Geschichte.

          Die heutigen Chronisten der Vernichtung sprechen anders vom Krieg, kaum vorstellbar, dass uns aus Kabul oder Bagdad Texte erreichten wie jene, die Jünger aus dem Inferno des letzten Jahrhunderts schrieb. Als Dokumente - nicht nur der ästhetischen Verhärtung - sind sie historisch. Ihre Methode und Bedingungsgeschichte aber informiert uns weiter über eine Grundidee von Literatur: dass sie unrein ist, ein Netz aus Einflussnahmen, Stilen und Haltungen, also nichts für Puristen, schon gar nicht für ideologische. Von solcher Kunst darf man sich getrost anlocken lassen.

          Weitere Themen

          Was vom Kampfe übrig blieb

          Ulrich Raulff wird siebzig : Was vom Kampfe übrig blieb

          Der Historiker Ulrich Raulff war Feuilletonchef dieser Zeitung, bevor er nach München und dann zum Deutschen Literaturarchiv Marbach weiterzog. Wir gratulieren einem klugen Intellektuellen zum siebzigsten Geburtstag.

          Topmeldungen

          CDU-Kandidat Röttgen : Ein Redner ohne eigene Truppen

          Geschätzt als Außenpolitiker, gescheitert als Landeschef – Norbert Röttgens Bewerbung für den CDU-Bundesvorsitz kommt unerwartet. Im Wahlkampf setzt er vor allem auf einen: sich selbst.
          Angehörige der uigurischen Minderheit in China demonstrieren 2009 in der Unruheregion Xinjiang in Nordwestchina.

          Internierte Muslime in China : Willkür mit System

          Ein internes chinesisches Regierungsdokument zeigt, dass schon ein falscher Mausklick ausreicht, um in Xinjiang im Umerziehungslager zu landen. Auch wer zu viele Kinder hat, macht sich verdächtig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.