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Botho Strauß : Dieser Herr wohnt hier nicht mehr

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Postkartengruß: Im Hotel Wiesbaden wuchs Botho Strauß auf. Bild: Foto Archiv

Bad Ems ist ein staatlich anerkanntes Heilbad und hatte bereits im 19. Jahrhundert viele bekannte Gäste. Was die kleine Kurstadt mit der großen Vergangenheit über die Herkunft von Botho Strauß verrät.

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          Kaldewei, mit i und mit einem l, so hieß ein Mitschüler von Botho Strauß. Möglicherweise verdankt ihm die berserkerhafte Figur des bösen, antisozialen Kalldewey in dem 1982 uraufgeführten Theaterstück „Kalldewey, Farce“ mehr als nur den kaum verfremdeten Nachnamen („Der hat im Park ’nen Schwan mit der Schaufel geköpft! ’nen Schwan! ’nen stolzen schönen großen Schwan - geköpft!“).

          Glaubt man Jugendbekannten des Schriftstellers, soll der reale Kaldewei angeblich als „Problemfall“ gegolten und „schon damals“, im Bad Ems der frühen sechziger Jahre, „Waffen besessen“ haben. Diese biographische Herleitung erscheint plausibler als alle bisherigen Spekulationen zum seltsamen Namen Kalldewey, eine abenteuerlicher als die andere.

          So wurde - kein Scherz! - in einer akademischen Qualifikationsschrift behauptet, er sei „aufzulösen“ in call the way: „Kalldewey ist der Führer, der den Weg zum Heil weist.“ Dabei ist im Stück lediglich davon die Rede, dass Kalldewey „Fotos von Hitler wie Pornobilder“ herumzeigt: „heimlich tut er und auf Einverständnis schielt er / ,War das nicht ’n Kerl, war das nicht ’n Kerl?‘“.

          Andere assoziierten ähnlich wild drauflos, meinten allen Ernstes, eine „Parodie“ auf das Berliner Kaufhaus des Westens erkennen zu können („Kalldewey - KaDeWe“) oder, nicht minder abstrus, eine Anspielung auf einen bekannten Hersteller von „Sanitärobjekten“: Kalldewey, der frauenfeindliche Sprücheklopfer und rassistische Zotenreißer, sei „in seiner elementaren, die Sprachtabus transzendierenden Obszönität kathartisch“.

          Über die Höhenfelder des Westerwalds

          Auch den betrunkenen Major, Stiefvater des Protagonisten Bekker im Roman „Rumor“ (1980), hat es wirklich gegeben, „damals, zuhaus, unten an der Lahn“ („der schwere Mann, den ich so oft rütteln musste, wenn er sich in die Erde und die Tulpen des Kurparks gekrallt hatte oder, wie einmal geschehen, auf dem Heimweg in ein Schaufenster gestürzt war“). Im richtigen Leben war er ein Nachbar der Familie Strauß, die seit 1955 in Bad Ems wohnte. Und das Vorbild für die Besitzerin eines Zeitschriftenladens, von der Richard Schroubek in der Erzählung „Die Widmung“ (1977) „mit zehn oder elf regelmäßig Comics bezog“, war jenes „Fräulein Wurzler“ - diesen Namen nennt er in seinem jüngsten Buch „Herkunft“ -, das den kleinen Botho mit „Sigurd“- und „Tarzan“-Heftchen versorgte.

          Sogar das Haus seiner Kindheit taucht bereits 1981 in seinem bekanntesten und erfolgreichsten Buch „Paare, Passanten“ auf - und das so genau lokalisierbar, dass man es gar nicht verfehlen kann, wenn man einen Abstecher in die kleine rheinland-pfälzische Kurstadt macht: „Herkunftsort. Ich ging in meiner Landschaft, daheim, hoch und runter an den Hängen und über die Höhenfelder des Westerwalds, oberhalb des engen Tals der Lahn, an deren anderem Ufer der Taunus beginnt. Hinter dem Elternhaus führt jetzt steil aufwärts eine Schneise, ein grässlich gelichteter Streifen durch den Kindswald; darin verkehrt eine computergelenkte Bergbahn, die unsere Kurgäste aus dem Städtchen schnell hinauf in die Höhenluft und zu einem neuen großen Krankenhaus-Komplex befördert.“

          Römerstraße 18, mitten im Kurviertel: Im dritten Stock dieses Hauses, in dem sich die Talstation der 1979 eröffneten vollautomatischen „Kurwaldbahn“ befindet, die inzwischen, im Zehnminutentakt, täglich sechzehn Stunden lang, 150 000 Fahrgäste pro Jahr zur „Bismarckhöhe“ und zurück transportiert, ist Botho Strauß aufgewachsen. Hier hatte vor einem halben Jahrhundert das Einmannunternehmen des Vaters seinen Sitz.

          Große Leserschaft im Nationalsozialismus

          Dr. Eduard Strauß (1890 bis 1971), „fachwissenschaftlicher Berater und Sachverständiger für das Arzneimittelwesen“, war Gründer, „Schriftleiter“ und einziger Beiträger eines Periodikums für Ärzte und Apotheker, das er ebenso umständlich wie hochtrabend „Unabhängiger kritisch-satirischer Beobachter und Berichterstatter für aufgeschlossene Köpfe im Arzneimittel- und Gesundheitswesen“ nannte. Der kriegsversehrte Pharmazeut, nach eigenen Angaben in seiner Frankfurter Dissertation von 1927 „am 24. August 1914 durch Kopfschuss unter Verlust des linken Auges schwer verwundet“ (also nicht in einer „Winternacht im Jahr 1916“, wie Botho Strauß in „Herkunft“ schreibt), zog darin regelmäßig gegen Kurpfuscher und unseriöse Kollegen zu Felde. Unter dem müde kalauernden Titel „Gschwend - g’schwind - g’schwindelt!“ nahm er beispielsweise 1959 einen Scharlatan namens Gschwend ins Visier, weil der vorgab, ein von ihm auf den Markt gebrachtes Pulver (Wert: 30 Pfennig, Verkaufspreis: 26 und 47 D-Mark) könne „Lähmungen und Nierenkrebs in kurzer Zeit vollständig“ heilen, wenn man es - in die Socken streue.

          Botho Strauß, 2013 in der Uckermark - mit seinem Wanderstock, den er sich vor dreißig Jahren in Portugal machen ließ.

          Einmal schaffte es Strauß senior sogar bis in den „Spiegel“. Das Hamburger Nachrichtenmagazin zitierte 1958 aus einer Strauß-Tirade gegen den Anbieter eines obskuren Schlankheitspräparats folgenden Satz: „,Das stinkt fürwahr zum Himmel, was dieser entartete Apotheker für sein phantasielos aus Blasentangextrakt und Isacen zusammengestelltes Mittel an übler Reklame hingezaubert hat . . .‘“

          Nicht nur sprachlich blieb Eduard Strauß dem Gestern verhaftet. Der Vater, der ein rückwärtsgewandtes Leben führte, sei mit der „zweifellos reaktionären Abwehr der ihn umgebenden Verhältnisse“ beschäftigt gewesen, notierte Botho Strauß in „Paare, Passanten“. Offenbar trauerte er vergangenen Zeiten vermeintlicher „Sauberkeit, Klarheit und Wahrheit in der Werbung“ nach - mit diesen Worten hatte er 1934 das nationalsozialistische Gesetz über Wirtschaftswerbung begrüßt -, in denen sich noch ein größeres Publikum für seine Veröffentlichungen interessierte. Waren frühere Broschüren, etwa „Achtung . . . Bakterien! Ihre Beschaffenheit, ihre Bedeutung, ihre Bekämpfung“, einst massenhaft von „Volksgenossen zur Erweiterung ihres Wissens“ gelesen worden - 1944, im Geburtsjahr des Sohnes, erschien die 6. Auflage („56. - 60. Tausend“) -, fand seine Emser Postille kaum noch Abnehmer. In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre, nach Inkrafttreten des Heilmittelwerbegesetzes 1965, sollen es weniger als zweihundert gewesen sein.

          Die berühmten Besucher von Bad Ems

          Nichts deutet heute darauf hin, dass das Haus Römerstraße 18 ein „altes, ehemaliges Badehotel“ ist; Botho Strauß erwähnt es in einem Prosastück seines Buches „Niemand anderes“ aus dem Jahr 1987. Selbst die merkwürdig fehler- und lückenhafte Bronzeplakette an einer Außenwand im „stilfremd veränderten“, soll heißen: brutalstmöglich modernisierten Erdgeschoss, die an Jacques Offenbachs wiederholte Aufenthalte erinnert, führt in die Irre. Kein Wort hier darüber, dass das Haus mit dem bereits 1824 nachweisbaren Namen „Stadt Wiesbaden“ im neunzehnten Jahrhundert das bedeutendste „israelitische“ Traditionshotel in Bad Ems war, in dem viele namhafte jüdische Kurgäste logierten, darunter Salomon Heine, der Onkel des Dichters.

          In Bad Ems fehlt es im übrigen an öffentlichen Hinweisen auf viele weitere berühmte Besucher: Wo wohnte Nietzsche, der hier im Juli 1865 „einige recht ruhige, schöne Tage erlebte“, wo Hans Christian Andersen und Lewis Carroll, der Verfasser von „Alice im Wunderland“ (Tagebucheintrag vom 5. September 1867: „Wir brachten den Rest des Tages damit zu, in diesem entzückenden Ort herumzuschlendern, wo die Leute nichts zu tun haben und den ganzen Tag Zeit, es zu tun“)? Wo Arthur Schnitzler, Gabriel Fauré und der exzessive Tagebuchschreiber Henri-Frédéric Amiel (1821 bis 1881), ein erklärter Lieblingsautor von Botho Strauß (Amiel stieg im August/September 1877 für einen Monat im Hotel Schloss Langenau ab, das ebenfalls an der Römerstraße lag, nur ein paar hundert Meter von der heutigen Nr. 18 entfernt. Nach dessen Abriss wurde 1968 an der Ecke Römerstraße, Gartenstraße ein selten hässlicher Zweckbau errichtet).

          Im etwas heruntergekommenen, ziemlich muffigen Inneren des Gebäudes Römerstraße 18 ist nur ein Teil erhalten geblieben. Steht man heute auf den „alten Stufen aus den Kindertagen“ des Autors („Herkunft“), kommt einem eine Bemerkung in den Sinn, die Botho Strauß niederschrieb, nachdem er in Genf vergeblich versucht hatte, die verschiedenen Wohnungen Robert Musils ausfindig zu machen: „Alles scheint auf schreckliche Weise immer anfassbarer und entschwindender zugleich zu werden.“

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