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Botho Strauß : Dieser Herr wohnt hier nicht mehr

  • -Aktualisiert am
Botho Strauß, 2013 in der Uckermark - mit seinem Wanderstock, den er sich vor dreißig Jahren in Portugal machen ließ.

Einmal schaffte es Strauß senior sogar bis in den „Spiegel“. Das Hamburger Nachrichtenmagazin zitierte 1958 aus einer Strauß-Tirade gegen den Anbieter eines obskuren Schlankheitspräparats folgenden Satz: „,Das stinkt fürwahr zum Himmel, was dieser entartete Apotheker für sein phantasielos aus Blasentangextrakt und Isacen zusammengestelltes Mittel an übler Reklame hingezaubert hat . . .‘“

Nicht nur sprachlich blieb Eduard Strauß dem Gestern verhaftet. Der Vater, der ein rückwärtsgewandtes Leben führte, sei mit der „zweifellos reaktionären Abwehr der ihn umgebenden Verhältnisse“ beschäftigt gewesen, notierte Botho Strauß in „Paare, Passanten“. Offenbar trauerte er vergangenen Zeiten vermeintlicher „Sauberkeit, Klarheit und Wahrheit in der Werbung“ nach - mit diesen Worten hatte er 1934 das nationalsozialistische Gesetz über Wirtschaftswerbung begrüßt -, in denen sich noch ein größeres Publikum für seine Veröffentlichungen interessierte. Waren frühere Broschüren, etwa „Achtung . . . Bakterien! Ihre Beschaffenheit, ihre Bedeutung, ihre Bekämpfung“, einst massenhaft von „Volksgenossen zur Erweiterung ihres Wissens“ gelesen worden - 1944, im Geburtsjahr des Sohnes, erschien die 6. Auflage („56. - 60. Tausend“) -, fand seine Emser Postille kaum noch Abnehmer. In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre, nach Inkrafttreten des Heilmittelwerbegesetzes 1965, sollen es weniger als zweihundert gewesen sein.

Die berühmten Besucher von Bad Ems

Nichts deutet heute darauf hin, dass das Haus Römerstraße 18 ein „altes, ehemaliges Badehotel“ ist; Botho Strauß erwähnt es in einem Prosastück seines Buches „Niemand anderes“ aus dem Jahr 1987. Selbst die merkwürdig fehler- und lückenhafte Bronzeplakette an einer Außenwand im „stilfremd veränderten“, soll heißen: brutalstmöglich modernisierten Erdgeschoss, die an Jacques Offenbachs wiederholte Aufenthalte erinnert, führt in die Irre. Kein Wort hier darüber, dass das Haus mit dem bereits 1824 nachweisbaren Namen „Stadt Wiesbaden“ im neunzehnten Jahrhundert das bedeutendste „israelitische“ Traditionshotel in Bad Ems war, in dem viele namhafte jüdische Kurgäste logierten, darunter Salomon Heine, der Onkel des Dichters.

In Bad Ems fehlt es im übrigen an öffentlichen Hinweisen auf viele weitere berühmte Besucher: Wo wohnte Nietzsche, der hier im Juli 1865 „einige recht ruhige, schöne Tage erlebte“, wo Hans Christian Andersen und Lewis Carroll, der Verfasser von „Alice im Wunderland“ (Tagebucheintrag vom 5. September 1867: „Wir brachten den Rest des Tages damit zu, in diesem entzückenden Ort herumzuschlendern, wo die Leute nichts zu tun haben und den ganzen Tag Zeit, es zu tun“)? Wo Arthur Schnitzler, Gabriel Fauré und der exzessive Tagebuchschreiber Henri-Frédéric Amiel (1821 bis 1881), ein erklärter Lieblingsautor von Botho Strauß (Amiel stieg im August/September 1877 für einen Monat im Hotel Schloss Langenau ab, das ebenfalls an der Römerstraße lag, nur ein paar hundert Meter von der heutigen Nr. 18 entfernt. Nach dessen Abriss wurde 1968 an der Ecke Römerstraße, Gartenstraße ein selten hässlicher Zweckbau errichtet).

Im etwas heruntergekommenen, ziemlich muffigen Inneren des Gebäudes Römerstraße 18 ist nur ein Teil erhalten geblieben. Steht man heute auf den „alten Stufen aus den Kindertagen“ des Autors („Herkunft“), kommt einem eine Bemerkung in den Sinn, die Botho Strauß niederschrieb, nachdem er in Genf vergeblich versucht hatte, die verschiedenen Wohnungen Robert Musils ausfindig zu machen: „Alles scheint auf schreckliche Weise immer anfassbarer und entschwindender zugleich zu werden.“

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