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Aravind Adiga : Was soll ein Denker in Deutschland?

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Zwischen Polemik und Rückzugsgefecht: der Booker-Preisträger Aravind Adiga Bild: picture-alliance/ dpa

Kein Roman erregt derzeit weltweit so viel Aufsehen wie Aravind Adigas indienkritisches Meisterwerk „Der weiße Tiger“. Deutschen Boden aber will der Booker-Preisträger nie wieder betreten. Seit 1930 sei die Kulturnation kein Land von Bedeutung mehr.

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          Der Flug nach Wien war schon gebucht, die Fragen lagen zurecht, da erreichte die Redaktion überraschend die Absage: Aravind Adiga würde nicht nach Europa kommen. Der weltweit gefeierte, jüngst mit dem Booker Preis ausgezeichnete Autor des hellsichtigen, aus der Perspektive des rücksichtslosen indischen Aufsteigers Balram Halwai geschriebenen Romans „Der weiße Tiger“, habe sich um jene Kritiker in Indien zu kümmern, die das Image des Landes beschmutzt sähen, teilte der C.H.-Beck-Verlag mit.

          Was gibt es denn da zu kümmern? Natürlich hat Adiga Indiens Image beschmutzt – wenn damit jene synchrongetanzte, bonbonfarbene Bollywood-Identität gemeint sein sollte –, aber das mit Recht: Er hat das immer freier flottierende Imaginäre dieses von sich selbst überwältigten Landes, genauer: seiner prosperierenden Mittelklasse, gewaltsam und doch humorvoll geerdet: ein Nachfahre und Radikalisierer Salman Rushdies. Und jemand, dem Bildung etwas bedeutet: Einen großen Teil des Booker-Preisgelds hat er soeben seiner ehemaligen, katholischen Schule in Mangalore gespendet.

          Kein Weg nach Deutschland

          Wenige Tage später aber sprach sich herum: Adiga möchte nur nicht nach Österreich und Deutschland, zu schlecht habe man ihn hier behandelt. Nach Spanien breche er dagegen bald auf. Wie bitte? Und tatsächlich: Ich erreiche ihn in einem Hotel in Barcelona. Vielmals, fast zu oft entschuldigt er sich für das abgesagte Interview, schließlich sei er selbst ein Journalist. Geschenkt. Die beiden geschassten Länder, so übermittele ich, stünden unter Schock. Da liege ja auch ein Missverständnis vor, beschwichtigt Adiga. Gegen Österreich habe er überhaupt nichts. Na, und Deutschland? Da holt er aus.

          Lange sei es sein Traum gewesen, dieses Land zu besuchen. Deutsche Musik von Wagner bis Beethoven habe ihn immer begleitet. Ständig liege „Der Tod in Venedig“ auf seinem Nachttisch. Als Teenager bereits las er Goethe und Heine, Thomas Mann und Robert Musil, Benjamin und Kafka, aber auch Hegel, Kant, Nietzsche und Schopenhauer. Als Teenager. Im Jahr 1998 war es dann so weit, Adiga, inzwischen Student in Oxford, machte sich auf zu den Dichtern und Denkern: Doch statt Heine nichts als Wintermärchen, schon an der Grenze. So viele Probleme gab es in Eisenach und Erfurt, dass er sofort nach England zurückkehrte, noch ohne München gesehen zu haben.

          Der Wunsch, die Idee von Deutschland nicht der Realität zu opfern

          Man habe mich, wende ich ein, in Indien auch für eine Art Maultier gehalten, das man an der Leine herumführen und mit Teppichen beladen kann. Trotzdem würde ich wieder hinfahren. „Für Gelehrte und Literaten in der ganzen Welt“, klärt mich Adiga auf, „existiert Deutschland bis in die Mitte der dreißiger Jahre ... Dann hört es für uns auf, ein Land von Bedeutung zu sein.“ Sein idealisiertes Deutschland (eine Art holzgetäfeltes Oxford-Deutschland) sei ihm einfach zu kostbar, um es dem Kontakt mit der Realität auszusetzen. Nein, er werde dieses Land nie wieder betreten.

          Erstaunlich ist diese Haltung nun schon, besteht doch der Reiz von Adigas Roman gerade darin, einem idealisierten Indien dessen Realität entgegenzusetzen. Dass Schopenhauer eher selten im Nahverkehr von Eisenach unterwegs ist, stimmt aber vermutlich. Dass man den Elitestudenten hier auf den Status bratwurstmentalitätszersetzender Immigrant reduzierte, ist auch vorstellbar.

          Die Schuld liegt bei der Romanfigur

          Und dann widerruft er, widerruft vieles von dem, was ihm die internationale Literaturkritik in den letzten Wochen zugeschrieben hat, während er mir – dem er offenbar kaum zutraut, das zu verstehen – immer wieder darlegt, dass Autor und Hauptfigur keineswegs identische Ansichten haben müssen. Es sei Balrams Idee, nicht seine, das Kastensystem radikal auf den Arm-Reich-Gegensatz zu reduzieren, denn so rechtfertige der Diener ja den Mord an seinem Herrn. Das Verhältnis zwischen den Kasten, dafür gebe es Hinweise im Roman, sei viel nuancenreicher, als Balram sich das vorstelle.

          Der Eskapismus von Bollywood: Er liebe ihn (anders als Balram). Und unter den Armen Indiens herrsche eine Güte vor, die mit der Haltung Balrams nichts gemein habe. Schließlich die Revolte: Nein, sie stehe nicht bevor, auch wenn Balram das glaube. Gewaltsame Auseinandersetzungen gebe es in Indien freilich längst. Von den einst vielversprechenden Kommunisten sei nur bewaffneter Maoismus übrig.

          Rückzugsmanöver

          Mit einem Wort: Adiga distanziert sich so sehr von dem aufrührerischen Potential seines Romans, dass man es gar nicht mit jenem Autor zu tun zu haben scheint, der jüngst immer wieder betonte, es sei seine Aufgabe, soziale Brutalitäten zu beleuchten. Der Unruhen prognostizierte und willkommen hieß, weil sie Verkrustungen aufbrechen. Der jene Indienliebhaber mit Spott überzog, denen verrenkte Yogis und rosarüsselige Gottheiten vor dem dritten Auge tanzen. Der die indische Mittelschicht attackierte, welche jede Beziehung zur Wirklichkeit verloren habe. Und der noch heftiger gegen die Untertanenmentalität der Armen polemisierte. Ist Adiga tatsächlich eingeknickt angesichts der indischen Kritik? Als Tiger gesprungen und als Mangolassi gelandet?

          Ich versuche es anders: Was hält der Schriftsteller von der chinesischen Gesellschaft? Schließlich besteht der ganze Roman, so das geschickte narrative Arrangement, aus Briefen, die Balram an den chinesischen Premier Wen Jiabao richtet, dem er seinen Aufstieg darlegt. Wie würde Wen Jiabao auf solche Briefe wohl reagieren? Wieder rudert Adiga zurück. Es seien „nicht wirklich reale Briefe“: Balram spreche eher laut vor sich hin (worauf es im Buch keinen Hinweis gibt).

          Die neuen Herren der Welt

          Bevor er mir wieder in Richtung Werkautonomie entwischt, lasse ich einfließen, eine entsprechende Anfrage an das Büro von Wen Jiabao gerichtet, aber bislang keine Antwort erhalten zu haben. Das überrascht Adiga wenig. Reaktionen aus China erreichten ihn auch nicht. Aber, setzt er nach, Wen Jiabao soll dieses Buch unbequem sein, gerade weil Balram sich so an ihn heranschmeißt. In einem Punkt aber liege sein Held richtig: Indien und China würden in Kürze die Welt vom Westen übernehmen. Für die Armen beider Länder aber bedeute das leider wenig.

          Weshalb nun dieser Rückzug aufs Autorenpodest? Es gibt dafür, das wird allmählich klar, eine sehr verständliche Ursache: Adiga hat es einfach satt, auf den politischen Kommentator reduziert zu werden. Tatsächlich ist „Der weiße Tiger“ ja nicht einfach ein realistischer Roman, sondern mythisch und satirisch überwölbt. Literatur als Befreiung? „Ja, absolut“, bricht es aus Adiga heraus: „Aber es überrascht mich, dass viele indische Leser die offensichtlichen mythischen Obertöne und surrealen Bilder im Roman nicht wahrzunehmen vermögen und ihn trotz aller stilistischen und strukturellen Hinweise als journalistischen Text lesen.“ Eine gute Seite habe das aber: So werde das Buch schärfer und gefährlicher. Schließlich wolle Rhetorik ja genau das: wirken.

          Schlüssel zur Revolution

          Da ist er also endlich, der Kämpfer. Je stärker ein Land werde, desto mehr müssten seine Schriftsteller auf Konfrontation gehen, zu den Unterdrückten halten. Die Situation der indischen Unterschicht, sagt Adiga, ähnele jener der schwarzen Amerikaner in den Vierzigern. Dann gibt er seinem Helden doch Feuerschutz, ein einziges Mal: Die alten, präkapitalistischen indischen Gedichte enthielten aristokratische Werte wie Strenge, Ehre, Individualität, Geschmack und Freiheit. Wer, wie Balram, diese Verse zu hören vermöge, der finde in ihnen den Schlüssel zur Revolution. Denn darum geht es ihm zuletzt doch, um den Schlüssel zur Revolution.

          Adiga begrüßt es denn auch, dass sein Buch in Indien nicht nur hunderttausendfach offiziell verkauft wird (schon vor dem Booker Preis), sondern in astronomischer Auflage als Raubdruck kursiert. Ebenjene Menschen vertreiben es an jeder Straßenecke, in deren Name es geschrieben ist und die es, das macht die Sprengkraft aus, nicht als Roman lesen. Der Tiger hat sich losgerissen, die Literatur greift ins Leben ein.

          Der Romancier, nicht der Polemiker

          Aber im Zickzack läuft der Gecko. Kaum glaubt man, Adiga auf die Spur gekommen zu sein, flitzt er schon wieder in die entgegengesetzte Richtung. Sein neuer Kurzgeschichtenband, „Between the Assassinations“, sei in einem so anderen Ton geschrieben, dass den Lesern zweierlei deutlich werden müsse: „dass ich als Romanautor gelesen werden möchte, nicht als Polemiker“. Und vor allem: „dass ich nicht Balram Halwai bin“.

          C. H. Beck hat bereits auf das neue Manuskript geboten. Man hoffe allerdings, dass Adiga seine Ansichten über Deutschland noch ändere. Vielleicht schafft er es ja doch noch einmal bis München, zumal hier nun krisenbedingt ja auch wieder Zeiten anbrechen könnten, in denen Büchern Wirkungen beschieden sind. Vielleicht verscherbeln schon bald Flaschensammler die „Welt als Wille und Vorstellung“ in Raubkopie.

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