https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/apropos-casanova-von-miklos-szentkuthy-17345637.html

Buch „Apropos Casanova“ : Phosphoreszierende Intellektualität

  • -Aktualisiert am

Was macht Casanova zur erquickenden Gedankenquelle? Sein verantwortungsloses Jonglieren mit den Milieus. Bild: INTERFOTO

Der ungarische Schriftsteller Miklós Szentkuthy war entflammt für Casanova, und nun zündet sein literarischer Ideenkarneval endlich auch auf Deutsch.

          4 Min.

          Wenn Rezensenten nicht wissen, wo sie anfangen sollen, fangen sie am Anfang an: „Der Heilige Alfonso starb im Alter von einundneunzig Jahren, doch hatte man ihm, dem Verfasser unzähliger Bücher und Briefe, das Schreiben bereits im Alter von dreiundachtzig verboten, aus gesundheitlichen Gründen. Das Formulieren ging ihm leicht von der Hand, doch korrigierte er nichts, gar nichts, Gedanke und Gefühl rieselten nur so aus ihm heraus, mal in einfachem Stil, mal in barockem, wie unaufhörlicher Schnee, doch hinter seiner Stilsicherheit wüteten Leidenschaft, Kummer und Freude in Bezug auf das Schicksal Gottes, die Seele sowie den ursprünglichen Körper des Menschen, das Ziel oder die inakzeptable Ziellosigkeit der Geschichte.

          Scholastik, freudianische Erkenntnisse, Marx’sche Beobachtungen, existenzialistische Verzweiflung zerrissen beinah seinen Körper und seine Seele wie die gefiederte Schicksalsbestie die Leber des Prometheus, er war voller fußzappelnder Ungeduld und schwindelerregender Angst, es könnte zu spät sein – für die Niederschrift seiner Erinnerungen, seines Gottesporträts, seiner Geschichtsbeschauung, des Summa summarum seiner Natur- und Seelenforschung. Und gerade als diese ihm so lieben Themen in einem wechselhaften Verhältnis von Fragen und Antworten in ihm eine endgültige Reife erreichten, verbot man ihm das Schreiben.“

          Das schrieb der ungarische Gymnasiallehrer Miklós Szentkuthy im Alter von einunddreißig Jahren auf die erste Seite seines großangelegten Kommentars zu den Lebenserinnerungen des Giacomo Casanova, dem er die Vita des erotomanen Heiligen Alfonso Maria de’ Liguori voranstellte, was alles zusammengenommen dann den Auftakt eines Schreibprojekts namens „Das Brevier des Heiligen Orpheus“ bildete. Danach verbot man Szentkuthy erst mal das Schreiben.

          „Apropos Casanovas“ Weg nach Deutschland

          Die 1939 erschienene Melange aus Liebesessayistik, Epochenporträt, Ideenkarneval und Theologie-Satire galt dem präfaschistischen Horthy-Regime als freche Blasphemie. Im kommunistischen Ungarn galt Szentkuthy später dann lange als „klassenfremdes Element“. Und so konnte „Apropos Casanova“ erst in den siebziger Jahren ohne zensorisches Gezeter verlegt werden. Wiederum fast vierzig Jahre danach ist das Buch erstmals auf Deutsch zu lesen: in einer kongenialen Übersetzung von Timea Tankó. Kongenial, weil der Text, bestehend aus einer „Vita“ und einer „Lectio“ (nach dem Vorbild des Bibelkommentars), von phosphoreszierender Intellektualität ist.

          Jeder Satz darin hat eine solch vorwärtsdrängende Dynamik, dass man ihm nur japsend hinterherschreiben kann. Es ist unmöglich, mit dem Geist dieses Buchs Schritt zu halten. Unmöglich aufzuzählen, wovon „Apropos Casanova“ im Ganzen handelt. Alles, was man über dieses Buch sagen kann, muss notwendig Fragment und Zufall bleiben.

          Zufällig ist Szentkuthys Interesse an der Casanova-Figur natürlich keineswegs. Was macht den Venezianer für den Ungarn aber zu einer solch erquickenden Gedankenquelle? Das Eindrucksvollste an Casanova, schreibt Szentkuthy hierzu, sei die absolute Sicherheit, mit der er die wesentlichen Charakteristika der Liebe erfasst habe. Ihre Daseinsgrundlage sei nämlich „das Weiterziehen“. Und zwar „aus einem Palazzo in den nächsten, aus einem Bordell ins nächste, aus dem Seminar ins Gefängnis, aus der Kajüte in den Harem, aus dem Park ins Dienstmädchenzimmer, vom Papst in die venezianische Nacht – das verantwortungslose Jonglieren mit den Milieus als Wesen der Liebe“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kanzler Scholz trat am Freitag als Zeuge vor dem Hamburger Untersuchungsausschuss zum „Cum-Ex“-Skandal.

          Scholz als Zeuge : „Okay, da war nichts“

          Der Bundeskanzler ist zurück in Hamburg. Dort sagte er als Zeuge im „Cum-Ex“-Ausschuss aus. Eigenes Fehlverhalten bestreitet er weiterhin.
          Rohre der Nord Stream 1 Gaspipeline in Lupmin

          Ab Ende August : Russland klemmt Nord Stream 1 für drei Tage ab

          Durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 fließt seit Wochen ein Fünftel so viel Gas wie eigentlich könnte. Nun soll sie für drei Tage stillstehen – der Konzern begründet dies mit Wartungsarbeiten an einer Turbine.

          Tanzvideo von Sanna Marin : Darf eine Politikerin feiern?

          Die finnische Ministerpräsidentin Sanna Marin tanzt ausgelassen mit Freunden, ein Video landet im Netz. Warum glauben manche, ihr Freizeitverhalten sage etwas über ihre Kompetenz?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.