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Antworten auf Max Frisch : Was fehlt uns zum Glück?

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Bild: Tobias Everke; dpa

Zum hundertsten Geburtstag von Max Frisch beantworten Schriftsteller aus aller Welt in der F.A.S. seinen berühmten Fragebogen aus dem Jahr 1966. Wir geben hier die Antworten von Jonathan Franzen und Alexander Kluge wieder.

          5 Min.

          „Was ich im Kopf habe, ist das Chaos“, hat er vor Studenten in New York einmal gesagt, als er Auskunft geben sollte über seine Schreibtheorie. „Ich habe keine“, hat er gesagt, er habe bestenfalls Fragen. Fragen an sich selbst, ein Leben lang, Fragen an die Leser. Der Schriftsteller Max Frisch, der heute vor hundert Jahren in Zürich auf die Welt kam, ist ein Leben lang ein Fragender gewesen. Ein Suchender. Schreiben war für ihn ein Gespräch mit dem Leser als Partner. Das war das Geheimnis seines Erfolges und ist es bis heute geblieben.

          Seine Bücher, die großen Romane wie „Stiller“ und „Homo Faber“ und die kleinen Erzählungen wie „Montauk“ und „Bin oder Die Reise nach Peking“, sind Fragebücher, lichthell, Wahrheiten suchend, Möglichkeiten prüfend, eine Welt in der Schwebe. In seinem „Tagebuch 1966-1971“ hat er einige seiner Fragen in Fragebögen zusammengefasst, die heute weltberühmt sind. Wir haben den ersten daraus an Schriftsteller in aller Welt verschickt, mit der Bitte um Antworten. Alle, die wir fragten, waren sofort bereit. Erstens aus Verehrung für Max Frisch. Zweitens, weil viele von ihnen ohnehin schon jahrelang, nebenbewusst, unterbewusst, immer wieder über seine Fragen nachgedacht hatten. Jetzt haben sie geantwortet. Wohl wissend, dass sie alle morgen schon ganz anders antworten würden. Ein Gespräch mit Max Frisch in der Gegenwart. Es wird noch lange weitergehen. (vw)

          1. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?

          Jonathan Franzen: Nein und ja.

          Alexander Kluge: Ich bin sicher.

          2. Warum?

          Jonathan Franzen: Nein, weil ich nicht glaube, dass man unserer Spezies die Verantwortung über unseren Planeten anvertrauen kann, ich glaube vielmehr, dass wir ihn am Ende komplett verschrotten werden. Ja, weil unsere Spezies darin einzigartig ist, ein Bewusstsein zu haben, und etwas an unserem Schicksal, die Wesen zu sein, durch welche das materielle Universum seiner selbst bewusst wird, wunderschön ist – in der aufeinander abgestimmten Komplexität von Universum und menschlichem Gehirn. Persönlich gibt es mir als Autor ein größeres Gefühl von Bedeutung, wenn ich mir vorstelle, dass etwas, das ich geschrieben habe, jemandem immer noch gefallen oder Trost spenden könnte, wenn jeder, den ich kenne und liebe, längst tot ist.

          Alexander Kluge: Warum? Zum Menschengeschlecht zählen z. B. meine Vorfahren und meine Kinder. Auch viele Tote, die ich liebe und die Eideshelfer dafür sind, dass etwas an den Menschen, einem Mangelmutanten, sich eventuell noch verbessern lässt und überleben sollte.

          3. Wie viele Kinder von Ihnen sind nicht zur Welt gekommen durch Ihren Willen?

          Jonathan Franzen: Falls ich Kinder haben sollte – und ich bin mir ziemlich sicher, dass dem nicht so ist –, wurden sie sicher nicht absichtlich gezeugt.

          Alexander Kluge: Die Frage habe ich mit Max Frisch direkt aufgrund einer Szene aus dem Film „Abschied von gestern“ ausgetauscht. Es ist keine Sache der Öffentlichkeit.

          4. Wem wären Sie lieber nie begegnet?

          Jonathan Franzen: Ganz ehrlich: niemanden.

          Alexander Kluge: Allen Funktionären der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft.

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