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Antonio Skármeta wird 80 : Von Liebe und Politik

Der chilenische Schriftsteller Antonio Skármeta im Jahr 2011 Bild: dpa

Antonio Skármeta errang mit seinem Roman „Mit brennender Geduld“ großen Erfolg. Doch erst die Verfilmung machte daraus eine universale Geschichte.

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          In einer der komischsten Szenen des Romans „Mit brennender Geduld“ (1984) steht der chilenische Dichter Pablo Neruda vor der Mutter eines siebzehnjährigen Dorfmädchens und muss ihr erklären, was es mit dem Unterschied zwischen Wirklichkeit und lyrischer Beschwörung auf sich hat. Empört hat die Mutter dem Dichter die erotischen Verse vorgelesen, die sie kurz zuvor bei ihrer Tochter gefunden hat: „Nackt bist du so natürlich wie eine deiner Hände, / glatt, irdisch, klein, vollkommen, transparent, / Mondlinien hast du, Apfelwege, / nackt bist du wie der nackte Weizen schlank. / Nackt bist du wie die Nacht auf Kuba blau, / hast Ackerwinden und Sterne in deinem Haar, / nackt bist du unerhört und gelb / wie in einem goldnen Kirchenraum der Sommer.“ Noch weiß die besorgte Mutter nicht, dass Neruda nur dem jungen Briefträger Mario helfen will, das Herz der schönen Beatriz zu gewinnen, da macht sie ihm den entscheidenden Vorwurf: Er müsse ihre Tochter nackt gesehen haben, denn so, genau so sehe ihr Kind aus, wenn es nackt sei!

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Antonio Skármeta, der chilenische Schriftsteller mit balkanischen Wurzeln, macht in seinem berühmtesten Buch viel aus der Spannung zwischen Poesie und konkreter Anschauung. Er lässt seinen schüchternen Briefträger, der dem späteren Literaturnobelpreisträger auf Isla Negra mit dem Fahrrad die Post bringt, in einigen charmanten Szenen die Metaphern entdecken. Er schildert eine einfache Welt am Meer, mit Weinkneipe und Tischfußball, und darin ein einzigartiges Verhältnis zwischen einem Jungen und einem Alten, das beider Leben verzaubert. Und natürlich beschreibt er auch die Liebe, und er macht es nicht nur dort gekonnt, wo er ein kräftiges Gerüst aus Lyrik zimmert, sondern auch in alltäglicheren Gesten, auf die man erst einmal kommen muss. Da gibt es den Augenblick, da Beatriz sich ein rohes Ei über den Körper rollen lässt, und wenn diese Mädchenfigur eine glühend imaginierte Jungenphantasie ist, so war es doch ein erwachsener Schriftsteller, der sie in diesem Licht, mit diesen leuchtenden Farben malte.

          Als Botschafter in Berlin

          Der Film „Il postino“, den Michael Radford 1994 daraus machte, verwandelte den dummen Jungen in einen etwas älteren Melancholiker mit verschattetem Gesicht, denn verkörpert wurde dieser Mario von dem großen italienischen Schauspieler Massimo Troisi, der einen Tag nach dem Ende der Dreharbeiten starb. All das – das Flirren, die Sehnsucht, die Trauer – machte völlig vergessen, dass Neruda ein eminent politischer Dichter war, der Stalin peinliche Elogen gewidmet hatte, und vielleicht lag ja genau darin Skármetas Absicht: den Nobelpreisträger, die große Identifikationsfigur der chilenischen Linken, den Dichter für Arbeiter und Bauern aus der Schusslinie zu nehmen und ihn dem Reich der reinen Gefühle zurückzugeben. Man nennt das Verklärung.

          Als Schriftsteller konnte Skármeta seinen Welterfolg nicht wiederholen, aber man kann es auch umgekehrt sehen: Er gehört zu den wenigen lateinamerikanischen Autoren, die von vielen gelesen werden. Zweimal hat er in Berlin gelebt, einmal in Charlottenburg in den achtziger Jahren, als er es in Pinochets Chile nicht mehr aushielt, dann von 2000 an als chilenischer Botschafter, in schöner Fortsetzung einer alten Tradition romanischer Länder, ihren bekannteren Dichtern die würdige Repräsentanz ihres Landes schon allein deshalb zuzutrauen, weil sie mit Sprache umzugehen verstehen. Dann kehrte er nach Santiago zurück. Ob er noch Heidegger liest? Heute feiert Antonio Skármeta seinen achtzigsten Geburtstag.

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