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Annie Ernaux 80 : Es ist vorbei und wirkt doch fort

Annie Ernaux Bild: EPA

Erinnerung in Endlosschleife: Annie Ernaux betreibt Buch für Buch so etwas wie eine Ethnologie ihrer selbst. Jetzt wird die französische Schriftstellerin achtzig Jahre alt.

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          Sie selbst nennt sich eine Archäologin in eigener Sache. Und tatsächlich betreibt die französische Schriftstellerin Annie Ernaux Buch für Buch so etwas wie eine Ethnologie ihrer selbst. Dabei unternimmt die Autorin zugleich Tiefenbohrungen in die jeweilige Epoche. Was sie damit beabsichtigt, lässt sie uns in einem ihrer Bücher wissen: Den Abgrund will sie erkunden „zwischen der ungeheuren Wirklichkeit eines Geschehens in dem Moment, in dem es geschieht, und der merkwürdigen Unwirklichkeit, die dieses Geschehen Jahre später annimmt.“ Das Paradox, von etwas zu erzählen, das nie wieder sein wird und zugleich doch fortwirkt, manchmal ein Leben lang, ist es, womit Annie Ernaux sich ein Schriftstellerleben lang schon auseinandersetzt.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          hre Bücher, die sich zusammengenommen als fortlaufendes Erinnerungsprojekt beschreiben lassen, schöpfen immer aus der eigenen Geschichte. Es sind autofiktionale Texte, keine Romane, aber auch keine Autobiographien, vielmehr siedelt Annie Ernaux ihr Werk irgendwo zwischen Literatur, Soziologie und Geschichtsschreibung an. Und so intim ihre Erinnerungen etwa an den Vater sind, wie er im Roman „Der Platz“ beschrieben wird, oder die Mutter in „Die Frau“ oder das jugendliche Trauma in „Erinnerung eines Mädchens“, so geht die Französin zuletzt doch immer über die Individualgeschichte hinaus, um so etwas wie eine kollektive Erfahrung dingfest zu machen.

          Annie Ernaux, die 1940 in der Normandie geboren wurde, gehört zu den wichtigsten Schriftstellerinnen Frankreichs. Spätestens seit dem französischen Gastlandauftritt bei der Buchmesse 2017 sorgt ihr Werk in der deutschen Übersetzung von Sonja Finck auch hierzulande für Aufsehen. Einige ihrer frühen Titel wurden noch einmal neu ins Deutsche übersetzt. Trotz der zeitlichen Distanz von mehr als dreißig Jahren haben die Bände, die oftmals kaum mehr als neunzig Seiten umfassen, nichts von ihrer Dringlichkeit verloren. Sie verhandeln Themen, die Annie Ernaux bis heute beschäftigen: Es geht um Herkunft, Aufbruch und Rückbesinnung. Und schon als junge Autorin hat sie sich eine unverwechselbar schnörkellose und unsentimentale Sprache zu eigen gemacht.

          Annie Ernaux ist die Erste in ihrer Familie, die eine Universität besucht, und Scham wird für sie zum prägenden Gefühl jener Jahre; Scham für ihre einfache Herkunft aus der Provinz, wie dies auch ihre Landsleute Edouard Louis und Didier Eribon immer wieder beschreiben. Annie Ernaux formuliert das so: Als Kind habe sie ihre Mutter zu sehr bewundert, „um ihr jetzt nicht übelzunehmen, dass sie mich nicht unterstützen konnte“. Es liegt eine rücksichtslose Stringenz in diesem Werk, das Innen- und Außenperspektive immer aufs Neue miteinander verquickt. Dass wir mit ihr und zugleich durch sie hindurch auf die Welt blicken, darin liegt die Meisterschaft dieser Autorin. Heute feiert sie ihren achtzigsten Geburtstag.

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