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Pulitzer-Preisträgerin Boyer : Metaphern als Krankheit

Anne Boyer mit einer Freundin (im Hintergrund) vor einem Spirituosengeschäft in Kansas City Bild: Cara LeFebvre

Am Ende geht es um alles: In ihrem Buch „Die Unsterblichen“ berichtet Anne Boyer von ihrem Krebsleiden und schafft eine neue Form des Erzählens.

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          Als Erstes zersetzt sich die Sprache. Mit einem Knoten in der Brust fängt es an, aber ein Klick auf die Suchmaschine führt direkt ins Universum der medizinischen Terminologie. Hormonrezeptor-positiv, HER2-positiv, triple-negativ, ne­krotisch. Basalzellen, Ki-67-Index, neoadjuvante Chemotherapie. MRT, CT, PET. Mammakarzinom. Und später dann: Name, Geburtstag, Karteinummer, Barcode, Daten in einer Akte. „Ich fürchtete, am ersten Tag, um meinen Wortschatz“, schreibt die amerikanische Essayistin und Lyrikerin Anne Boyer in ihrem Wahnsinnsbuch „Die Unsterblichen“. Von einem Tag auf den anderen gelten nur noch Expertisen, keine Argumente mehr, keine Begriffe, keine Politik, keine Poesie. Überhaupt gilt nicht mehr viel, vor allem, wenn es ums Überleben geht, wenn man komplett aus der Bahn geworfen wird, wenn ganz zu Recht nur noch das eigene Leben zählt und jeder Egoismus legitim wird. Alles andere scheint trivial, die Nachrichten, die Sportergebnisse, das Wetter, die intellektuellen Debatten, die Welt und wie sie so zusammenhängt.

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Zumindest ist das wohl so vorgesehen, in den Geschichten, die über den Krebs erzählt werden, auch von Frauen oder, meistens dann doch, über Frauen mit Krebs, in all den Leidensgeschichten, Sterbensgeschichten, Ermutigungsgeschichten. Denn auch das ist eine Form der Sprachverstümmelung, am Ende die viel giftigere: das Geschwür der Ratgeberformeln und Selbsthilfemaximen, all der Geschichten über „einer dank Wohlverhalten, 5-km-Laufen, grünen Bio-Smoothies und positivem Denken geheilten Krankheit“, wie sie in der „rosaroten Landschaft des Brustkrebsbewusstseins“ wuchern, in der „nur eine Art von Menschen, die Brustkrebs hatten, zugelassen (ist): die Überlebenden“. All die sentimentalen Klagen auch, in denen es zwar immer um das Leiden der Einzelnen geht, aber eben nur um Frauen als objektivierte Figuren, all ihrer Besonderheiten beraubt, ohne dass dabei das entscheidende Allgemeine dieser Schicksale sichtbar wird: der kalte, medizinische Diskurs, die Automatik der Prozeduren, die sozialen Effekte einer solchen Diagnose. Metaphern als Krankheit.

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